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Organspende:"Es gibt so viele Menschen, die einfach nur leben wollen"

Nach der erfolgreichen Herztransplantation haben Ärzte zu Kevin Kerrutt gesagt, sie hätten ihm nur noch wenige Wochen gegeben, dann wäre es schief gegangen.

(Foto: imago stock&people)

Nach einer Notoperation geben die Ärzte Kevin Kerrutt nur noch wenige Wochen. Dann bekommt er ein Spenderherz - und setzt sich heute für die Widerspruchslösung bei der Organspende ein.

In Deutschland warten Tausende Patienten auf eine Organspende. Die Zahl der transplantierten Organe deckt den Bedarf bei Weitem nicht ab. Der Bundestag berät deshalb an diesem Mittwoch über eine Reform des Organspendegesetzes. Gesundheitsminister Jens Spahn setzt sich für die sogenannte Widerspruchslösung ein. Demnach soll künftig jeder Mensch nach seinem Ableben als potenzieller Organspender gelten. Es sei denn, er hat zu Lebzeiten widersprochen.

Kevin Kerrutt ist selbst betroffen. Als er 19 Jahre alt ist, macht sein Herz Probleme und er lebt mehr als fünf Jahre mit einem künstlichen Herz. Bei einer Operation kommt es zu Komplikationen und Kerrutt wird immer schwächer. Erst kurz vor seinem 25. Geburtstag bekommt er die rettende Organspende. Heute ist Kerrutt 27 Jahre alt und zieht gemeinsam mit seiner Ehefrau seine Tochter auf. Nebenbei versucht er immer wieder, über die Bedeutung von Organspenden aufzuklären.

SZ: Herr Kerrutt, wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihrem Herzen etwas nicht stimmt?

Kevin Kerrutt: Während meiner Ausbildung hat meine Ausdauer immer mehr nachgelassen. Irgendwann konnte ich ohne Pause gerade so noch 50 Meter gehen. Als ich zum Arzt gegangen bin, hat der festgestellt, dass etwas nicht stimmt. Im Krankenhaus wurde eine Herzmuskelentzündung vermutet, und einige Zeit später war klar, dass sich das Herz nicht mehr erholt und ich ein neues brauche. Am Totensonntag 2010 habe ich dann bei einer Notoperation ein künstliches Herz bekommen.

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Insgesamt hatten Sie etwa fünfeinhalb Jahre ein künstliches Herz im Körper. Wie lebt es sich damit?

Mit einem Kunstherz kann man zwar überleben, aber Staubsaugen ist da schon der größte Sport. In dieser Zeit konnte ich nicht richtig arbeiten und musste mehrere Ausbildungen abbrechen, weil ich körperlich zu schwach war.

2016 wurde es kritisch.

Anfang des Jahres hatte ich irgendwann Blut im Urin und musste sofort ins Krankenhaus. Die Pumpe war verstopft und die Ärzte haben gesagt, sie müssten das Kunstherz auswechseln. Dabei ging es aber nur um die linke Herzhälfte. Während der Operation hat allerdings auch noch die rechte Seite versagt und ich brauchte dort zusätzlich ein Stützungssystem. Da kommt ein Schlauch aus der Brust, das Blut fließt in eine externe Pumpe und dann wieder durch die Leiste in den Körper. Damit hatte ich quasi zwei neue Kunstherzen.

Sie waren wochenlang bettlägerig. Hatten Sie noch Hoffnung?

Ja, doch. Natürlich denkt man sich nach all den Jahren: "Puh, irgendwann wird es jetzt mal langsam Zeit für ein neues Organ." Grundsätzlich dachte ich aber: "Ich bin noch viel zu jung und kann noch nicht tiefgehen." Ich hatte immer im Kopf: "Ich schaffe das auf jeden Fall, zu 100 Prozent." Diese Einstellung macht auch sehr viel aus. Die Ärzte sagen manchmal, dass 60 Prozent Kopfsache sind.

War der Tod für Sie ein Thema?

Man merkt schon, dass man schwächer wird und es nicht besser wird. Die Kraft hat immer mehr nachgelassen. Bei heißen Temperaturen lag ich nur noch flach, weil ich so kaputt war. Aber ich habe halt immer weiter gekämpft und mir ständig gesagt: "Schachspielen kann der Sensemann nicht. Noch bin ich besser." Die Ärzte haben danach gesagt, sie hätten mir nur noch wenige Wochen gegeben, dann wäre es schiefgegangen.

Stattdessen kam die erlösende Nachricht. Wie haben Sie sich gefühlt?

Nach der Not-OP hat es ungefähr vier Monate gedauert, bis ich abends einen Anruf vom Oberarzt bekommen habe. "Wir haben ein Angebot für Sie." Das war komisch. Ich habe jahrelang auf ein Herz gewartet, und plötzlich soll von jetzt auf gleich alles vorbei sein, das ganze Gewarte. Das war total befreiend und erlösend. Da war Dankbarkeit, unglaubliche Dankbarkeit für denjenigen, der sich entschieden hat, im Falle seines Todes seine Organe zu spenden.

Wissen Sie, wer der Spender war?

Nein, ich weiß gar nichts dazu. Weder wie alt er war noch ob es ein Mann oder eine Frau war. Auch die Angehörigen kenne ich nicht. Ich hatte die Möglichkeit, einen anonymen Dankesbrief zu schreiben. Da durfte ich keine persönlichen Daten reinschreiben und habe auch keine Antwort bekommen.

Kevin Kerrutt

Kevin Kerrutt ist "unglaublich dankbar, dass es Leute gibt, die sich für eine Organspende entscheiden".

(Foto: Privat)

Heute sind Sie verheiratet, haben eine kleine Tochter und machen wieder eine Ausbildung. Wie oft denken Sie noch darüber nach, dass ein fremdes Herz in Ihnen schlägt?

Täglich. Wenn ich aufstehe und die Sonne scheint, denke ich immer kurz: "Danke, dass ich das noch erleben darf." Auch jeder Moment mit meiner Tochter und meiner Frau - das ist wundervoll.

Besitzen Sie selbst einen Organspendeausweis?

Na klar, aber erst seit meinen eigenen Erfahrungen. Früher wurde ich nie mit dem Thema konfrontiert und wusste auch nicht wirklich etwas über Organspende.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die ihre Organe nicht spenden wollen?

Ja, da gibt es ja ganz viele Gründe: religiöse oder ethische zum Beispiel. Wer mich wirklich ärgert, sind die Leute, die keine Lust haben oder sich nicht die Zeit nehmen, einen Organspendeausweis auszufüllen, obwohl sie das für sinnvoll halten. Falls die sterben, müssen die Verwandten das entscheiden, wenn sie gerade erst vom Tod erfahren haben. Und die sind dann vielleicht von der Situation überfordert.

Gesundheitsminister Spahn will die sogenannte Widerspruchslösung. Damit soll jeder Mensch nach seinem Tod als möglicher Organspender gelten, wenn er nicht vorher widersprochen hat. Was halten Sie davon?

Das wäre sinnvoll. Wer seine Organe nicht spenden will, kann sich ja dagegen entscheiden. Das muss man auch akzeptieren. Ein Mensch, der tödlich verunglückt ist, kann seine Organe entweder mitnehmen oder spenden und dadurch bis zu sieben Menschenleben retten. Es gibt so viele Menschen, die einfach nur leben wollen. Und die sind unglaublich dankbar, dass es Leute gibt, die sich für eine Organspende entscheiden.

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