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Organisierte Kriminalität:Eine Kindheit in Neapel

Die Camorra setzt beim Drogenhandel Minderjährige ein. Auch, weil sie nicht angeklagt werden können.

Feine Kinderhände, so erfährt man aus Neapels Unterwelt, sind geeignet fürs Verpacken von Kokain. Ganz kleine Päckchen, das Stück 50 Euro. Anna soll es mit der Zeit zu besonderer Fertigkeit gebracht haben, in Heimarbeit. Unterwiesen wurde sie von ihrer Mutter. Anna war acht, als die Carabinieri bei ihren Ermittlungen zuhörten, wie sie sich wünschte, dass man die Mutter verhafte: "Das wäre wie ein Gewinn im Lotto", sagte das Mädchen da, als sei ihm alles zu viel. Die ständige Anspannung zu Hause, die Geschichte mit dem weißen Pulver und dem Geld. Nun ist die Mutter verhaftet worden, zusammen mit 42 weiteren Mitgliedern des Clans Elia, einer Familie der Camorra, Neapels Mafia. 17 von ihnen sind Frauen: Mütter, Tanten, Großmütter.

Bei den Elias, die den Drogenhandel im zentralen Viertel Pallonetto di Santa Lucia beherrschten, war das Verbrechen offenbar im wahrsten Sinn ein Familienbusiness. Alle hatten eine Rolle darin, auch die Kinder. Der kleine Giovanni Elia, den sie "Giannino" nennen, 13 Jahre alt, empfing die Kunden auch schon mal mitten in der Nacht allein zu Hause, um ihnen die Ware zu übergeben. In Protokollen abgehörter Telefonate, die nun an die Presse gelangt sind, liest man, wie Gianninos Mutter ihrem Sohn um drei Uhr morgens sagt, er solle den Stoff nicht rausgeben, bevor er das Geld dafür erhalten habe. "Ich weiß doch, Mamma", antwortet er. Einmal, als sie ihm in der Nacht einen weiteren Kurierdienst in den Gassen aufträgt, sagt er müde: "Ein anderes Mal - okay, Mamma?"

Die Camorra setzt gezielt Kinder unter 14 ein, weil man sie auf Anhieb nicht verdächtigt, und weil sie, wenn sie erwischt werden, nicht anklagt werden können. Sie sind zu jung fürs Strafrecht. Doch natürlich sind sie die größten Opfer in dieser trüben Welt. Staatsanwalt Giovanni Colangelo, der den Fall untersucht, sagt es so: "Diese Kinder erleben das Verbrechen, als wäre es Normalität, als wäre es Alltag." Das zeichne sie für immer."

In der Zeitung La Repubblica schreibt Roberto Saviano, der Autor des Weltbestsellers "Gomorra", über die Kinder der Familie Elia. "I bambini della droga, sotto il sole di Napoli" heißt der Titel - die Kinder der Droge unter der Sonne Neapels. Er wirft der Stadt und dem italienischen Staat vor, dass sie sträflich wegschauten und beschönigten: "Diese Geschichte zeigt uns, dass sich Neapel zum Schlimmeren gewandelt hat, dass die Camorra ihr Durchschnittsalter dramatisch gesenkt hat." Das ist auch das Thema seines jüngsten Buchs: Savianos erster Roman heißt "La paranza dei bambini", etwa: der Fischzug der Kinder. Seit einigen Wochen führt es die Verkaufsranglisten an.

Der Erfolg trägt Saviano allerdings auch Kritik ein. Die heftigste kommt ausgerechnet vom Bürgermeister Neapels, dem ehemaligen Staatsanwalt Luigi de Magistris, der Saviano früher in seinem Kampf gegen das organisierte Verbrechen unterstützte. Nun sagt er, Saviano bereichere sich auf dem Rücken Neapels, jedes Leid sei ihm dafür recht. Es ist ein wüster Streit zwischen zwei berühmten Neapolitanern, ein Gockelkampf, von dem Anna, Giannino und die anderen Kinder der Camorra wahrscheinlich nichts mitbekommen haben. Helfen tut er ihnen nicht, im Gegenteil.