MeinungÖsterreichWarum die neue ORF-Chefin vor einer Herkulesaufgabe steht

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Kolumne von Verena Mayer

Lesezeit: 2 Min.

Ingrid Thurnher arbeitet bereits seit 41 Jahren für den ORF, nun wird sie interimistisch Generaldirektorin. Im Sommer wird der Posten dann turnusgemäß neu besetzt.
Ingrid Thurnher arbeitet bereits seit 41 Jahren für den ORF, nun wird sie interimistisch Generaldirektorin. Im Sommer wird der Posten dann turnusgemäß neu besetzt. Foto: Helmut Fohringer, AFP

Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, politische Einflussnahme, der Fall Weißmann: Die neue ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher steht vor großen Herausforderungen.

Frauen, so wird gerne gesagt, bekommen meistens erst dann eine hohe Führungsposition, wenn Männer gescheitert sind und das Krisenmanagement keine besonders reizvolle Aufgabe ist. Die Weisheit trifft erstaunlich oft zu, ob es um politische Ämter geht oder die Deutsche Bahn. Auch beim Österreichischen Rundfunk scheint dies nun der Fall zu sein. Am Donnerstag wurde die Fernsehjournalistin und Moderatorin Ingrid Thurnher zur Generaldirektorin des ORF bestellt. Sie folgt auf Roland Weißmann, der Anfang der Woche wegen Vorwürfen sexueller Belästigung sein Amt zurückgelegt hat. Weißmann bestreitet über seinen Anwalt jegliches Fehlverhalten.

Tatsächlich ist Thurnher, die seit 41 Jahren in unterschiedlichen Funktionen beim ORF arbeitet, erst die zweite Frau an der Spitze des größten Medienunternehmens Österreichs. Und das auch nur interimistisch, im Sommer soll die Generaldirektion turnusgemäß neu besetzt werden. Thurnher steht, wie sie selbst in einem ORF-Interview sagte, vor einer „Herkulesaufgabe“. Zum einen wird man sie daran messen, wie sie die Vorwürfe, die eine ORF-Mitarbeiterin gegen Roland Weißmann erhoben hatte, aufklärt. Zum anderen muss sie eine Antwort auf die Frage finden, die man in Österreich gerade oft hört: Ob der Fall Weißmann vielleicht auch für eine problematische Unternehmenskultur steht, was den Umgang mit Frauen betrifft. Thurnher sagte dazu, man sei erst ganz am Beginn. Experten von außen sollten zusammen mit der Compliance-Abteilung des ORF den Fall aufarbeiten und Transparenz schaffen, wo es möglich ist.

Vor allem aber tritt Thurnher ihr Amt in einer schweren Krise des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks an. Überall in Europa stehen die gebührenfinanzierten Medien unter Druck. Jeder Fehler wird als Beleg genommen, ihre Existenz infrage zu stellen und sie finanziell zu beschneiden. In der Schweiz stimmte die Bevölkerung kürzlich zum zweiten Mal darüber ab, ob der Rundfunkbeitrag gesenkt werden soll. Die Mehrheit lehnt dies ab – noch. Denn längst sind die öffentlich-rechtlichen Medien zum Feindbild geworden, an dem sich Populisten abarbeiten, die einen von „Zwangsgebühren“ finanzierten „Staatsfunk“ am Werk sehen.

In Österreich kommt hinzu, dass manche Kritik durchaus berechtigt ist. Der ORF hat nicht nur ein Quasi-Monopol, da es kaum privates Radio und Fernsehen gibt. Sondern er unterliegt auch wesentlich stärker parteipolitischen Einflüssen als andere Rundfunkanstalten in Westeuropa. Beispiel Stiftungsrat: Dieser hat eine enorme Machtfülle, er gibt die großen Linien vor, wählt den Generaldirektor und hat gleichzeitig eine Kontrollfunktion. Dessen Mitglieder werden zum größten Teil von der Bundesregierung, den Landesregierungen und den Parlamentsparteien bestimmt. Dazu haben sich innerhalb des Stiftungsrats „Freundeskreise“ der jeweiligen Parteien gebildet.

Es gab in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder das Bestreben, diese Strukturen aufzubrechen. Der Fall Weißmann wäre ein guter Anlass, noch einmal einen ernsthaften Versuch zu unternehmen. Vielleicht auch wieder mal mit einer Frau an der Spitze.

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Der ORF-Generaldirektor Roland Weißmann tritt nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück, die er bestreitet. Der Fall trifft den österreichischen Rundfunk im schlechtesten Moment.

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