Oppositionspolitiker "Die venezolanische Regierung will mich kaltstellen"

Julio Borges ist in Bogotá im Exil.

(Foto: AFP)
  • Venezuelas Präsident Nicolás Maduro reagiert auf den mutmaßlichen Attentatsversuch gegen ihn, indem er Oppositionspolitiker bedroht.
  • Einer von ihnen sitzt als Tatverdächtiger im Gefängnis und wird möglicherweise gefoltert.
  • Maduro beschuldigt Julio Borges, Drahtzieher der Drohnenaktion am 4. August zu sein. Dieser reagiert verärgert auf Maduros Anschuldigungen.
  • Aus Furcht um sein Leben ist der Oppositionelle Borges nach Kolumbien geflüchtet. Von dort aus greift er Maduro an.
Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Um Julio Borges anzurufen, genügt es nicht, eine seiner sieben Telefonnummern zu wählen. Da geht er nicht ran. Unmittelbar vor dem vereinbarten Gespräch lässt er über einen Mittelsmann eine achte Nummer mitteilen, dann ist er tatsächlich in der Leitung. "Hallo, wie geht's?", sagt er. Borges hat gelernt, vorsichtig zu sein, seit er von Nicolás Maduro gesucht wird. Der venezolanische Staatschef beschuldigt ihn, einer der "intellektuellen Köpfe" hinter dem mutmaßlichen, auf jeden Fall missglückten Attentat vom 4. August zu sein.

Während der Fernsehübertragung einer Militärparade in Caracas waren laut Regierungsversion mit Sprengstoff beladene Drohnen auf den Präsidenten und seine Entourage zugeflogen. Explosionen waren zu hören. Dann brach die Übertragung ab. "Sie haben versucht, mich zu töten", sagte Maduro.

Explosionen, Anschuldigungen und Zweifel

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Der Oppositionspolitiker Borges, 48, streitet seine Beteiligung an einem Komplott ab. Die Frage, ob es dieses Komplott überhaupt gab oder ob es sich um eine Inszenierung handelte, beantwortet er so: "Wenn man alle Fälle zusammenzählt, in denen Maduro angeblich ein Attentat überstanden hat, dann kommt man auf 22. Es ist sehr schwer, an seine Ehrlichkeit bei diesem Thema zu glauben. Was man sicher sagen kann: Dass er das nutzt, um die demokratische Opposition zu verfolgen, einzusperren und zu foltern."

Borges führt dieses Telefonat aus seinem Exil in Bogotá. Er war schon Wochen vor dem Drohnenflug in die kolumbianische Hauptstadt geflüchtet, nachdem er und seine Familie, wie er sagt, konkret bedroht worden waren. Seit Anfang August ist diese Bedrohung deutlich konkreter geworden. Maduro hob die parlamentarische Immunität von Borges auf, erließ einen Haftbefehl, beantragte in Bogotá seine Auslieferung und bei Interpol seine Festnahme. Fühlt Borges sich sicher in Kolumbien? "Die venezolanische Regierung will mich seit langer Zeit verhaften und kaltstellen. Wegen meines politischen Kampfes gegen die Diktatur. Aber ich bin relativ entspannt, ich spüre Solidarität aus der ganzen Welt", sagt er.

Relativ entspannt, das verrät seine Stimme, heißt in diesem Fall: extrem verärgert. So dubios die Indizien rund um das Attentat sind, so konkret ist Maduros Gegenschlag. Der junge Oppositionsabgeordnete Juan Requesens, dem ebenfalls Mittäterschaft vorgeworfen wird, sitzt seit zwei Wochen in dem berüchtigten Gefängnis Helicoide. Maduro präsentierte ein Video, in dem Requesens eine Art Geständnis ablegt und Borges als Anstifter nennt. Wenig später tauchte ein zweites Video auf, in dem der Häftling nur in Unterwäsche zu sehen ist, mit Fäkalien verschmiert. Requesens' Familie, sein Anwalt und Borges vermuten, dass ihm seine Aussage unter Folter und Drogen abgepresst wurde. "Das zeigt nichts anderes als den Grad der Niedertracht des Regimes", sagt Borges.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Caracas veröffentlichte diese Woche eine Liste von 34 angeblichen Verschwörern, 14 seien davon bereits verhaftet. Darunter befinden sich zwei Offiziere der venezolanischen Armee.

"Die einzige Verschwörung ist die des Regimes gegen das Regime"

Der Anschlag, so stellt es Maduro dar, sei aus Miami finanziert und aus Kolumbien gelenkt worden, deshalb werde Borges dort protegiert. In einer beispielslosen Zuspitzung der diplomatischen Krise beschuldigte Maduro den gerade abgetretenen kolumbianischen Ex-Präsidenten Juan Manuel Santos der Komplizenschaft mit der Gruppe. Bogotá wies die Vorwürfe als "absurd und haltlos" zurück.

Borges sagt: "Die einzige Verschwörung, die es im Moment in Venezuela gibt, ist die des Regimes gegen das Regime. Der Bruch innerhalb der Streitkräfte und innerhalb der Regierung ist offensichtlich."

Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass Drohnen und der Sprengstoff echt waren, der Anschlagsversuch real. Das sehen auch Regimegegner in Caracas so. Sie führen unter anderem die Tatsache an, dass am Ende der TV-Übertragung von der Parade Soldaten zu sehen waren, die aufgeschreckt in alle Richtungen rannten. Eine nie dagewesene Erniedrigung des Regimes sei das gewesen, die der Zirkel um Maduro niemals so inszeniert hätte. All das ist kaum zu überprüfen. Aber der Riss innerhalb des Chavismus ist unübersehbar. Es wäre nicht das erste Mal, dass Maduro eine Attacke seiner inneren Feinde nutzt, um äußere Feinde zu verfolgen.

Julio Borges war Venezuelas Parlamentspräsident, bis das Parlament Mitte 2017 entmachtet wurde. Er verweist auf die Abschaffung der Demokratie und des Rechtsstaates, auf die selbst verschuldete Hyperinflation und die humanitäre Krise. Doch die Opposition kann daraus kein Kapital schlagen. Eine Mehrheit der Venezolaner ist gegen Maduro, aber die meisten trauen auch Borges und seinen Leuten nicht. Das ehemalige Oppositionsbündnis MUD liegt nicht nur wegen der Repression, sondern auch wegen interner Machtkämpfe in Trümmern. "Wir sind in einem Prozess, in dem wir unsere Kräfte sammeln und uns neu aufstellen", verspricht Borges.

Die gewählte Nummer kann man danach löschen. Er wird sie nicht weiter benutzen.

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