Olympiabewerbung von München und HamburgTeurer, schneller, weiter

Lesezeit: 5 Min.

Warmlaufen für Olympia? In München fanden 2022 die Leichtathletik-Europameisterschaften statt.
Warmlaufen für Olympia? In München fanden 2022 die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Javad Parsa/IMAGO/NTB
  • Hamburg und München bewerben sich um Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044, wobei Hamburg am 31. Mai ein Referendum abhält.
  • Beide Städte nutzen dringend benötigte Verkehrsprojekte als Argument, um schneller an Bundesmittel für Infrastruktur zu kommen.
  • In Hamburg befürworten nur 41 Prozent Olympia, während sich in München bereits 66 Prozent dafür entschieden haben.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

In Hamburg werden wichtige Verkehrsprojekte als Druckmittel eingesetzt, um die Olympia-Kandidatur durchzusetzen. Politiker warnen: Das viele Geld gehe sonst nach München, schon wieder.

Von Andreas Schubert und Jana Stegemann, München/Hamburg

SZ bei Google bevorzugen

Die Stimme von Hamburgs SPD-Finanzsenator Andreas Dressel wurde lauter, als er sagte: Das ganze Geld dürfe „nicht wieder nach Bayern gehen, jetzt ist mal der Norden dran“. Es war im März, als zwei Politiker und zwei Sportfunktionäre das Finanzkonzept der Olympiabewerbung für 2036, 2040 oder 2044 vor Reportern und Kamerateams vorstellten. Hinter ihnen, durch die großen Panoramafenster im sechsten Stock, sah man die Altstadt von Hamburg – und ziemlich viele Baustellen. „Wir können wirtschaftlich tragfähige Spiele ausrichten und etwas Bleibendes für die Infrastruktur schaffen“, sagte Dressel.

Der rot-grüne Senat will mit Hamburg in das internationale Rennen um die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 gehen. Dafür müsste sich die Hansestadt auf nationaler Ebene gegen München, Berlin und Rhein-Ruhr durchsetzen. Über eine mögliche Bewerbung Hamburgs entscheiden allerdings zunächst die Bürgerinnen und Bürger in einem Referendum am 31. Mai. Bis zu diesem Termin laufen für die Bewerbungsphase allein 17 Millionen Euro auf.

Olympia-Bewerbungen von Berlin und NRW
:Klamme Kassen, große Erwartungen

Berlins Regierender Bürgermeister Wegner will Olympia in die Hauptstadt holen – für die Kinder. NRW-Ministerpräsident Wüst hofft an Rhein und Ruhr gleich auf die größten Spiele jemals. Aber wollen die Bürger das überhaupt?

SZ PlusVon Meredith Haaf und Christoph Koopmann

Das weltweit größte Sportereignis selbst könnte in Hamburg 4,8 Milliarden Euro kosten – dem sollen laut Angaben des Finanzsenators Einnahmen von 4,9 Milliarden gegenüberstehen. Die Opposition kritisierte aber bereits, dass in diese Kalkulation die Kosten für die Sicherheit nicht eingerechnet sind, in Paris 2024 waren allein das laut offiziellen Angaben etwa anderthalb Milliarden Euro.

Sportsenator Andy Grote sagte: „Wir werden mit Olympia für die großen Zukunftsthemen unserer Stadt mehr Geld haben als ohne. Was wir uns hingegen nicht leisten können, ist, auf Olympia zu verzichten.“ Die Spiele dauerten, inklusive der Paralympics, vier Wochen, so Grote, „der Nutzen für die Stadt Hamburg sind 40 Jahre“. Ohne Olympia werde Geld fehlen. So sehen die Spitzenpolitiker der Hansestadt das: Hamburg braucht die Olympischen Spiele – in erster Linie, um schneller an Milliarden vom Bund für dringend nötige Infrastruktur-Projekte zu kommen. Daraus machen Grote und Dressel gar nicht erst ein Geheimnis, sie sagen das auch in TV-Kameras.

In Hamburg geht es vor allem um den schon begonnene Bau der U-Bahn-Linie 5, die derzeit das größte und teuerste Infrastrukturprojekt der Stadt ist; die Baukosten für 24 Kilometer Strecke bis 2041 werden auf bis zu 16,5 Milliarden Euro geschätzt. Etwa 75 Prozent der Kosten des ersten Bauabschnitts kommen aus Bundesmitteln und sind längst bewilligt. Das zweite große Projekt ist die Erweiterung der S-Bahn-Linie 6. Der Bau zur Anbindung des Westens ist zwar beschlossen, verzögert sich jedoch. Ob ein eigentlich geplanter und wichtiger Tunnel gebaut werden kann, steht nun aber in den Sternen.

Nur 41 Prozent der Hamburger finden Olympia „eher gut“

Das dritte Projekt ist eines, das nunmehr seit fast 20 Jahren diskutiert und ersehnt wird: die dringend nötige Erweiterung des maroden und viel zu kleinen Hauptbahnhofs, der nach der Gare du Nord in Paris der am stärksten frequentierte Hauptbahnhof Europas ist. 2008 waren erstmals Umbaupläne vorgestellt worden – passiert ist seitdem nichts.

Von Olympia-Begeisterung ist Hamburg derzeit allerdings noch weit entfernt, außer in der Stadtspitze und in Teilen des Senats. Obwohl die Verkehrsprojekte allerorts als Druckmittel genutzt werden, um Olympia-Skeptiker zu überzeugen, verfängt die Kampagne bisher nicht so wie geplant. Einer aktuellen Umfrage im Auftrag des NDR zufolge finden nur 41 Prozent der Befragten Olympia „eher gut“, 50 Prozent hingegen „eher schlecht“. Auffällig ist aber: Unter den Befürwortern nannten etwas mehr als die Hälfte die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur als Argument für die Spiele in Hamburg.

In München ist die Begeisterung für die Spiele größer: 66 Prozent der Bürger sprachen sich dafür aus. Vor dem Olympia-Bürgerentscheid am 26. Oktober 2025 warben die Befürworter mit allerlei Segnungen für die Stadt, insbesondere für den Nahverkehr. 18 Projekte nennt eine Studie der Beratungsagentur MCube, die unter der Leitung der Technischen Universität entstanden ist, in diesem Zusammenhang. Zehn Projekte betreffen den Verkehr, in den geschätzt 14 bis 17 Milliarden Euro investiert werden sollen. Alle Projekte zusammen, dazu zählt auch der Bau provisorischer Sportstätten, sollen laut der Studie 18 bis 21 Milliarden Euro kosten.

Bewerbung um Sommerspiele
:Münchens Olympia-Ambitionen und ihre Folgen für den Verkehr

Die Bewerbung um Sommerspiele sollte bei einer Debatte des Verkehrsclubs Deutschland unter dem Titel „Fluch oder Segen?“ diskutiert werden. Der Abend geriet dann jedoch recht einseitig.

Von Joachim Mölter

Was den Nahverkehr angeht, so gibt es nicht das eine Projekt, das ausschließlich von Olympischen Spielen abhängt. Alle in der Studie aufgeführten Maßnahmen sind bereits in Planung beziehungsweise Vorplanung. Dennoch warben die Stadt und das bayerische Verkehrsministerium damit, dass die Spiele einen „Booster“ bringen würden, ähnlich wie vor den Spielen 1972. Damals beschleunigten Freistaat und Stadt den Bau der Münchner U-Bahn und der S-Bahn mit vereinfachten Planungs- und Abstimmungsprozessen, um den festen Termin einhalten zu können.

Das könnte bei erneuten Spielen in München schwierig bis unmöglich werden, je nachdem, ob die Spiele 2036, 2040 oder 2044 stattfinden würden. Zwei U-Bahn-Projekte stehen auf der Liste: Das wäre die Verlängerung der bestehenden Linie U4 bis zur Messestadt Riem, wobei ein mögliches Olympiadorf im Stadtteil Daglfing angebunden würde.

1,2 Milliarden Euro soll die drei Kilometer lang Trasse kosten. Eine Fertigstellung in zehn Jahren ist äußerst unwahrscheinlich, für das Projekt läuft gerade erst eine Grundlagenermittlung. Auch ein Termin 2040 ist fraglich. Derselbe Planungsstatus gilt für eine Linie U9, die durchs Zentrum gebaut werden soll. Für den nach konservativer Schätzung vier Milliarden Euro teuren und zehn Kilometer langen Neubau ist selbst ein Termin 2044 sportlich.

Eher realistisch ist ein schon lange geplanter Ringschluss der S-Bahn im Norden der Stadt. Der sollte eigentlich schon 2025 fertig sein, dann fehlten der Deutschen Bahn (DB) nach eigenen Angaben die Planer. Drei neue Bahnhöfe sind vorgesehen, kosten soll der Ausbau 247 Millionen Euro. Hier könnte ein „Olympia-Booster“ wie 1972  Wirkung zeigen.

Auch bei einem Anschluss des Flughafens München an den Fernverkehr könnten Fördergeld und schnelle Planung einen rechtzeitigen Erfolg bringen. Fünf Milliarden soll dieser kosten. Betrachtet man aber andere Bauprojekte der DB, klingt eine Deadline bis 2036 eher gewagt. Auch ein Termin für eine mögliche Express-S-Bahn nach Augsburg ist noch nicht bekannt.

Bei der Straßenbahn hat die Stadt viele geplante Vorhaben wegen Geldmangels derzeit auf Eis gelegt. Mit Extrazuschüssen wegen Olympia könnten aber etwa neue Tramlinien zum olympischen Dorf nach Daglfing oder ins Umland kommen. Die wären wohl auch bei beschleunigten Genehmigungsverfahren eher 2040 bis 2044 fertig.

Neue Radschnellverbindungen ins Münchner Umland dagegen, die bis zu 94 Millionen Euro kosten sollen, könnten schneller geplant und gebaut werden als Schienenprojekte. Weiterhin listet die MCube-Studie noch sogenannte Mobility-Hubs und neue Lade-Infrastruktur für E-Fahrzeuge auf. All das soll ohnehin realisiert werden.

Von Olympischen Spielen erhoffen sich aber all diejenigen, die dafür gestimmt haben, dass die Pläne nicht noch weitere Jahre oder gar Jahrzehnte in den Schubläden liegen bleiben. Auch wenn die bisherigen Versprechungen alle im Konjunktiv formuliert sind, nach dem Motto „Was wäre, wenn“, haben sich beim Bürgerentscheid mehr als 66 Prozent für Olympia entschieden – wohl im Vertrauen, dass sich in der bayerischen Landeshauptstadt etwas bewegt. Und zwar bald, nicht irgendwann.

Wobei all diese Zahlen- und Planspiele ohnehin eine große Unbekannte eint: Am Ende als deutscher Bewerber in den Ring steigen zu dürfen, ist das eine. Vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) den Zuschlag zu bekommen, die Spiele 2036, 2040 oder 2044 ausrichten zu dürfen, ist etwas ganz anderes.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: