Süddeutsche Zeitung

Olympia-Boykott:Wenn aus Gegnern Feinde werden

Verrat an olympischen Idealen: Immer wieder weigern sich Sportler, gegen israelische Gegner anzutreten. Einer aber hat sich aus dem Würgegriff des iranischen Regimes befreit.

Von Sebastian Gierke

Olympisches Basketballturnier, Tschechien gegen Iran, Ergebnis 84 zu 78. Sportlich ein Kleinereignis und doch eine Erwähnung wert, wegen einer eigentlich völlig normalen Geste der Trainer. Denn der Coach der Tschechen ist Israeli und so sagte Ronen Ginzburg, der Handschlag mit Mehran Shahintab, seinem iranischen Kollegen, sei natürlich "etwas Besonderes". Vielleicht sei es sogar eine Botschaft an die Staatsführer in Teheran, wenn ein Israeli das gegnerische Team coache.

Das iranische Regime so zu beeindrucken, diese Hoffnung erscheint illusorisch. Doch die kleine Episode am Rande eines kleinen Basketballspiels zeigt: Die Politik ist israelischen Sportlern immer auf den Fersen. Von vielen arabisch und muslimisch geprägten Ländern wird das Existenzrecht Israels nicht anerkannt. Sie fordern von ihren Sportlern dasselbe. Aus sportlichen Gegnern werden so Feinde. Immer wieder fällt deshalb der Handschlag aus. Oft sogar der sportliche Wettbewerb.

Der algerische Judoka Fethi Nourine zum Beispiel sorgte gerade für einen Eklat, weil er seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio noch vor Beginn des Wettbewerbs in der Klasse bis 73 kg absagte. Im Falle eines Auftaktsieges hätte er gegen den Israeli Tohar Butbul antreten müssen. Das wollte er unter allen Umständen vermeiden. Und anschließend tauchte auch der Sudanese Mohamed Abdalrasool zum Kampf gegen Butbul nicht auf.

Nach Jahren der Vorbereitung, nach der Qual des Trainings und der langen Reise nach Tokio, sind die Olympischen Spiele für die beiden also ohne einen einzigen Kampf beendet - und ihre Sportlerkarrieren womöglich auch. Der Algerische Olympische Verband hat Nourine vorläufig suspendiert, der Judo-Weltverband auch. Weitere Konsequenzen dürften folgen.

Aus dem Würgegriff befreit

In Israel ist all das kein großes Thema. Dort hat man sich an solche Episoden gewöhnt, gerade beim Judo. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen zum Beispiel legte Arash Miresmaeili aus Iran urplötzlich so an Gewicht zu, dass er zu schwer für seine Wettkampfklasse war. Der Kampf gegen den Israeli Ehud Vaks platzte.

Mit olympischen Idealen, mit friedlichem Wettstreit, Freundschaft oder Völkerverständigung hat all das nichts zu tun. Vielleicht haben deshalb jetzt ein paar Menschen mehr einem Judoka aus der Mongolei die Daumen gedrückt, als zu vermuten wäre. Saeid Mollaei, Judo-Weltmeister von 2018 im Halbmittelgewicht, stammt aus Iran. Doch er hat sich aus dem Würgegriff des Regimes befreit.

Bei der WM 2019 wäre er im Finale auf einen Israeli getroffen, Sagi Muki. Das Teheraner Sportministerium erklärte, Mollaei dürfe nicht zum Halbfinale antreten. Mollaei kämpfte, verlor und machte den Fall öffentlich. Aus Angst ist er danach nicht mehr in seine Heimat zurückgekehrt, nahm eine neue Staatsbürgerschaft an. An diesem Dienstag gewann also der Mongole Mollaei die Silbermedaille. Im Halbfinale hätte er auf eine der großen israelischen Medaillenhoffnungen treffen können, Sagi Muki. Der ist zwar früher ausgeschieden, doch für Mollaei wäre auch ein Kampf gegen Muki kein Problem gewesen. Inklusive Handschlag. Die beiden sind mittlerweile gute Freunde. Muki gratulierte, Mollaei dankte Israel für die Unterstützung.

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