Olympia:Belarussische Sportlerin erhält Asyl

Olympia 2021: Kristina Timanowskaja in der polnischen Botschaft in Tokio

Die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja beim Betreten der polnischen Botschaft in Tokio.

(Foto: Yuki Iwamura/AFP)

Nach ihrer Kritik an Trainern und Funktionären sollte Kristina Timanowskaja frühzeitig aus Japan in die Heimat gebracht werden. Aus Furcht vor Repressionen will sie nach Polen fliehen.

Von Silke Bigalke, Moskau

Die belarussische Olympiateilnehmerin Kristina Timanowskaja wird nach ihrem Hilferuf in Polen Zuflucht suchen. Ihr Visum holte die Sprinterin bereits am Montag in der polnischen Botschaft in Tokio ab. Zuvor hatten Mitglieder der olympischen Delegation von Belarus die Sportlerin dazu zwingen wollen, Japan zu verlassen und nach Hause zu fliegen. "Ich bin unter Druck", sagte sie in einem Video, das die Belarussische Sport-Solidaritätsstiftung (BSSF) am Sonntag im Internet veröffentlichte. "Ich bitte das Internationale Olympische Komitee, sich einzumischen."

Die Athletin hatte zuvor Trainer und Funktionäre der belarussischen Delegation dafür kritisiert, dass diese sie kurzfristig und ohne ihr Wissen für ein weiteres olympisches Rennen angemeldet hätten. Nachdem Timanowskaja ihre Kritik öffentlich gemacht hatte, wollte man sie gar nicht mehr starten lassen. Die Sprinterin könne wegen ihrer "emotional-psychischen" Verfassung nicht an weiteren Wettkämpfen teilnehmen, hieß es vom belarussischen Nationalen Olympischen Komitee (NOK). Eine Lüge, sagt Timanowskaja dazu.

In einem Interview mit dem belarussischen Sportportal Tribuna.com berichtet die Sprinterin von ihrem Gespräch mit dem Cheftrainer der belarussischen Leichtathletik-Nationalmannschaft, Jurij Moissewitsch, der sie zur Ausreise drängte. Moissewitsch habe ihr gesagt, das Thema liege nicht mehr auf Ebene des Leichtathletik-Verbands, "nicht auf Ebene des Sportministers, sondern auf einer höheren Ebene". Seit der manipulierten Präsidentschaftswahl im August verfolgt Diktator Alexander Lukaschenko Kritiker mit wachsender Brutalität.

Am Flughafen weigerte sich Timanowskaja, in die vorgesehene Maschine zu steigen, wandte sich stattdessen an die japanische Polizei. Neben Polen boten Tschechien und Slowenien der Sportlerin Asyl an. "Polen wird alles Nötige tun, um ihr bei der Fortsetzung ihrer sportlichen Karriere zu helfen", schrieb Vize-Außenminister Marcin Przydacz bei Twitter. Der Ehemann von Kristina Timanowskaja ist inzwischen aus Belarus in die Ukraine geflohen.

Das IOC forderte vom belarussischen NOK einen schriftlichen Bericht. Man müsse zunächst die genauen Hintergründe zu dem Vorfall abwarten, sagte ein IOC-Sprecher. Die Bundesregierung forderte die belarussischen Behörden auf, die demokratischen Grundrechte zu achten.

Kristina Timanowskaja wird nun Teil einer wachsenden Diaspora; vor allem in Polen und im Baltikum leben viele Exil-Belarussen. In Litauen wächst indes nicht nur die Anzahl der Belarussen, die vor Lukaschenko fliehen. Immer mehr Flüchtlinge aus Ländern wie Irak, Afghanistan und Syrien kommen über die belarussische Grenze ins Land. Die EU geht davon aus, dass Lukaschenko die stark steigenden Flüchtlingszahlen absichtlich herbeiführt. Der Diktator hatte als Reaktion auf die EU-Sanktionen gegen sein Regime damit gedroht. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson sprach bei ihrem Besuch in Vilnius am Montag von einem "Akt der Aggression".

© SZ
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