Wahlkampf: "Ich will ja auch Kanzler werden und nicht Zirkusdirektor"

'Brigitte Live' mit SPD-Kanzlerkandidat Scholz

Reden über Geld oder Leben? Olaf Scholz (SPD) wählt Leben.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Olaf Scholz erlaubt bei einer Talkshow wohldosierte Einblicke in sein Innenleben und spricht über ein Gipfeltreffen in Hamburg, das ihn bis heute bedrückt

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Die Frage ist noch nicht fertig gestellt, da hat Olaf Scholz schon die Antwort gegeben. Worüber er lieber reden wolle, fragt eine Moderatorin, über Aufstehen oder Liegenbleiben? Bevor sie das letzte Wort gesprochen hat, platzt es aus Scholz raus: "Aufstehen." Was auch sonst.

Mittwochabend in der Astor-Filmlounge am Berliner Kurfürstendamm, ein früheres Ufa-Kino mit Ledersitzen und Cocktailbar, in dem schon Filmstars der 1950-er Jahre zu Gast waren. An diesem Abend gibt es 60 Minuten Olaf Scholz, der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten als eine Art Star, von dem man nicht weiß, ob er die Zukunft noch vor - oder schon hinter sich hat. Der Kandidat hat als Bundesfinanzminister der auslaufenden großen Koalition einige gute Wochen hinter sich.

Er war der Mann mit dem Geld bei der Flut und der Deutsche, der mit den USA die globale Mindeststeuer vorangetrieben hat, die mehr Gerechtigkeit bringen soll. Eigentlich ur-sozialdemokratisch. Nur, dass die SPD in den Umfragen bei höchstens 17 Prozent liegt. Aufstehen und weitergehen ist sozusagen alternativlos, soll das klappen mit dem Kanzleramt für die SPD und ihn am 26. September.

Der Abend ist so angelegt, dass der Kandidat über spielerisch klingende Fragen auch mal rauslassen soll, was er denkt, fühlt, was ihn antreibt und was er sonst so noch macht. "Brigitte Live" ist nach dem Magazin Brigitte benannt, ein persönliches Fragequiz, moderiert von zwei Journalistinnen des Frauenmagazins. Nacheinander hatten hier die Kanzlerkandidierenden ihren Auftritt. Erst Annalena Baerbock, dann Armin Laschet, nun Olaf Scholz. Und weil Angela Merkel bei "Brigitte Live" einst nicht nur wohlüberlegte Einblicke in ihr Leben als kochende Hausfrau gegeben hat, sondern auch verriet, sich nicht gegen die Ehe für alle stellen zu wollen, ist man seither gespannt, was der Abend so bringt.

Seine größte Niederlage? Die Gewalt beim G20-Gipfel

Bei Scholz kann man einiges über sein Innenleben erfahren. Wohldosiert wie die Kanzlerin gewährt er ein paar persönliche Einblicke, man merkt, dass er sich vorbereitet hat. Dass er eigentlich Langschläfer sei, aber zu selten dazu komme. Dass seine Frau eher anders herum ticke und dass er fürchtet, dass, wenn sie in vielen Jahren "nur noch ein Rentnerehepaar sind", er wohl zum Frühstück kommen wird, wenn seine Frau zu Mittag isst. Seine Frau Britta Ernst, Bildungsministerin in Brandenburg, kommt gefühlt in jeder Antwort vor. "Durch sie bin ich ein anderer Mensch geworden", sagt Scholz. "Ein besserer?" - "Sicher." - "Zum Beispiel?" Nein, wehrt er ab, an dieser Stelle müsse Schluss sein mit dem Einblick ins Private.

Der überraschendste Augenblick des Abends ist der, als er nach der größten Niederlage seiner langen politischen Laufbahn gefragt wird. "Das Dramatischste, das ich erlebt habe, war die Gewalt auf dem G-20-Gipfel in Hamburg". Er sei danach bei vielen Treffen der G7 oder G20 gewesen, aber nie habe er diese Gewalt wieder erleben müssen. Bis heute bedrücke es ihn immer wieder, dass er damals, obwohl er es als Erster Bürgermeister zugesagt hatte, die Bürger "nicht so habe beschützen können, wie ich das versprochen habe".

Ein paar Fragen weiter fällt ihm sogar eine Doppelrolle zu: die des erfahrenen Pandemie-Managers und umsichtigen Finanzministers. Ungeimpfte Erwachsene sollten die Kosten für Corona-Schnelltests demnächst selbst tragen, sagt Scholz. Nicht sofort, aber zu einem "Zeitpunkt in naher Zukunft". Es gehe ja nicht, dass der Staat weiter die Kosten übernehme, wenn es die "bessere Alternative des Impfens" gebe. Das dürfe aber nicht für diejenigen gelten, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen könnten oder für die es - wie für Kinder - keine Impfempfehlung gebe. Für alle anderen müssten die Tests "so billig wie möglich sein". "Ich finde nicht, dass es da um Strafe geht."

Und soll mal keiner sagen, Scholz habe keinen Humor. Ihm werde nachgesagt, dass er so emotionslos sei? "Ich bewerbe mich als Kanzler, nicht als Zirkusdirektor." Gefragt, ob er über Geld oder über Leben reden will, wählt er letzteres. Als die Moderatorin verwundert sagt, sie hätte ganz sicher gedacht, er wähle das Geld, sagt er: "Nur weil ich Finanzminister bin, muss ich ja nicht als Untoter durch die Welt rennen".

Und dann kommt die Frage nach seiner Frau

Und was ist eigentlich schlumpfig? Scholz windet sich ein wenig. Er habe das ganz lustig gefunden, dass CSU-Chef Markus Söder sein Lächeln mal so bezeichnet habe: "Das sind doch nette Leute." Und, ja, sein Lächeln sei wahrscheinlich verschmitzt.

Die Moderatorinnen schaffen es nicht, Scholz aus der Fassung zu bringen. Umgekehrt aber schon. Nachdem es einige Minuten darum gegangen ist, dass Frauen noch immer benachteiligt werden im Job wie im gesellschaftlichen Leben und Scholz die Quotenfrage zur Machtfrage erhoben hat, "die jeden persönlich berührt", wird er gefragt, ob seine Frau noch arbeiten gehen werde, wenn er Kanzler würde? Scholz guckt entsetzt. Was für eine Frage, sie sei eine erfolgreiche Politikerin. Ganz am Schluss, als der Fauxpas schon fast vergessen war, entschuldigt sich die Moderatorin plötzlich noch für die "dusseligste Frage", die sie seit Langem gestellt habe. Und man fragt sich, ob das wirklich nötig war.

© SZ/nvh
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