Türkische Offensive in Syrien "Keinem einzigen Zivilisten hat auch nur die Nase geblutet"

Nur "Terroristen"? Afrin am 28. Januar.

(Foto: AFP)
  • Bei der türkischen Offensive gegen die kurdischen YPG sind Aktivisten zufolge bislang 112 Zivilisten getötet worden.
  • Ankara widerspricht der Darstellung jedoch: Keinem einzigen Zivilisten habe "auch nur die Nase geblutet", sagte Vize-Ministerpräsident Bozdağ.
  • Das Auswärtige Amt hat unterdessen dem Internationalen Komitee des Roten Kruezes 10 Millionen Euro an Soforthilfe bewilligt. Mit dem Geld soll insbesondere den Menschen in Ost-Ghouta geholfen werden, wo eine weitere Front im syrischen Krieg verläuft.

Die türkische Regierung widerspricht Angaben zu getöteten Zivilisten bei der Offensive gegen Kurden in Afrin im Norden Syriens - alle Toten seien Terroristen. "Bei den Operationen der türkischen Streitkräfte gab es bis heute keinen einzigen Zivilisten in der Region, dem auch nur die Nase geblutet hat, geschweige denn, der ums Leben gekommen ist", sagte Vize-Ministerpräsident Bekir Bozdağ der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Die Türkei werde die Offensive gegen die kurdischen Verteidigungseinheiten YPG fortsetzen, bis sie die Region von "den Terrororganisationen und ihren Terroristen gesäubert hat".

Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London sind bei der türkischen Offensive bislang 112 Zivilisten getötet worden, darunter 23 Kinder. Die türkische Armee hatte die Offensive am 20. Januar begonnen.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Donnerstag in Ankara: "Gott sei Dank, nach dem Stand von heute Morgen haben unsere Soldaten im Afrin-Krieg 1829 Terroristen neutralisiert."

Generell vermeidet die Regierung die Bezeichnung "Krieg" für die Operation, bei der es sich aus ihrer Sicht um Anti-Terror-Kampf handelt. Mit "neutralisieren" oder "säubern" meinen die türkischen Behörden "kampfunfähig machen" - also töten, verletzen oder gefangen nehmen.

Wenn syrische Kämpfer die YPG unterstützen, "werden auch sie nicht verschont"

Die YPG gelten in Ankara als Ableger der PKK und werden bekämpft. Die Kurdische Arbeiterpartei ist in der Türkei verboten und als terroristisch eingestuft, ebenso wie in der EU und den USA. Die YPG bestreiten die Vorwürfe und erklären, sie seien eigenständig.

Bozdağ sagte an diesem Donnerstag, sollten regierungstreue syrische Kämpfer in der Region die YPG unterstützen, "dann werden auch sie nicht verschont. Wer auch immer versucht, neben diesen Terrororganisationen gegen die türkischen Streitkräfte zu kämpfen, wird für uns zur Zielscheibe."

Die Ko-Vorsitzende der pro-kurdischen türkischen Oppositionspartei HDP, Pervin Buldan, bezeichnete die Darstellung als Lüge. "Die Regierung verbreitet Fehlinformationen, wenn sie sagt, dass es keine zivilen Toten gebe", sagte sie am Donnerstag vor Auslandskorrespondenten in Istanbul. Ihre Partei fordert ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes in Afrin.

Am Montag hatten die kurdischen Kämpfer bekanntgegeben, sie hätten einen Deal mit der Regierung in Damaskus geschlossen, um ihre Kräfte gegen Ankara zu bündeln. Am Dienstag rückten syrische Regierungskräfte ein. Seitdem wächst die Sorge vor einer größeren Eskalation zwischen der Türkei und Syrien.

Momentan richtet sich die weltweite Aufmerksamkeit aber auf eine weitere Front in dem Krieg: Kämpfer der syrischen Regierung haben in Ost-Ghouta innerhalb von drei Tagen 300 Menschen getötet. Die Region Ost-Ghouta gehört zu den letzten Gebieten, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen. Doch eingeschlossen sind dort auch 400 000 Zivilisten.

Die Vereinten Nationen haben die Gewalt verurteilt. Russland hat für Donnerstag eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats zur Lage in der heftig umkämpften syrischen Rebellenhochburg Ost-Ghuta vorgeschlagen. Schweden und Kuwait haben eine Resolution vorbereitet, die eine 30-tägige Feuerpause für Syrien fordert.

Außenminister Gabriel hat dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz unterdessen 10 Millionen Euro an Soforthilfe zugesagt, das Geld soll inbesondere für die Menschen inn Ost-Ghouta bestimmt sein. Zudem stehe Gabriel in Kontakt zu Russland und zum Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, um für einen Waffenstillstand, aber vor allem auch für den Schutz von Kindern und Familien einzutreten. Dies teilte eine Sprecherin mit. Insgesamt hat Deutschland nach Angaben des Auswärtigen Amts im letzten Jahr allein für Syrien 720 Millionen Euro an humanitärer Hilfe geleistet, der Gesamtbetrag seit 2012 belaufe sich auf 2,2 Milliarden Euro.

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