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Offensive gegen IS in Irak:Warum die Eroberung Mossuls entscheidend und schwierig ist

Irakische Truppen, etwa 45 Kilometer südlich von Mossul.

(Foto: AFP)
  • Die irakische Armee hat die Offensive auf Mossul gestartet, unterstützt wird sie durch Kampfflugzeuge der US-geführten internationalen Anti-IS-Koalition.
  • Mossul gilt als Hochburg des IS, in der Stadt leben überwiegend Sunniten.
  • Hilfsorganisationen zufolge befinden sich dort mehr als eine Million Zivilisten; der Irak hat nicht die Mittel zur Versorgung von Flüchtlingen.

Wenn Mossul erst eingenommen ist, dauere es nicht mehr lange und der sogenannte Islamische Staat sei besiegt, sagte der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi im Fernsehen. Die Stadt im Norden des Landes gilt als letzte Hochburg des IS im Irak und die nun gestartete Offensive deshalb als entscheidender Schritt im Kampf gegen die Dschihadisten. In Mossul herrscht der IS seit mehr als zwei Jahren. Die Millionenstadt ist eine der größten Städte, die die Organisation innerhalb ihres sogenannten Kalifats kontrolliert.

Für den Irak ist Mossul ein bedeutender Wirtschaftsstandort. Neben Erdölraffinerien ist seit jeher die Textilproduktion in der Stadt am Ufer des Tigris angesiedelt, nach der etwa der Stoff Musselin benannt ist. In Mossul leben sunnitische Araber mit Christen, Kurden, Turkmenen und Jesiden zusammen. Heute befinden sich in der Stadt noch immer etwa 1,5 Millionen Zivilisten. Diese drohen nun in die Schusslinie zu geraten.

Kriegsparteien in Syrien und Irak

Die schätzungsweise 3000 bis 4500 IS-Kämpfer, die inzwischen in Mossul leben, haben sich in den vergangenen Monaten auf die Verteidigung vorbereitet: Rund um die Außengrenzen haben sie Gräben ausgehoben, die mit Öl gefüllt sind und in Brand gesteckt werden können, außerdem sollen Minenfelder die Stadt umgeben. Innerhalb Mossuls bewegen sich die Kämpfer in Tunnelsystemen, die sie vor Luftangriffen schützen sollen.

Mossul konnte der IS ursprünglich auch deshalb übernehmen, weil die Stadt das wichtigste sunnitische Zentrum im Land ist - die Mehrheit der Bevölkerung des Irak ist schiitisch. Nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 flohen zahlreiche sunnitische Anhänger des gestürzten Regimes nach Mossul. Viele von ihnen verbündeten sich später mit den Vorgängerorganisationen des IS, um gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad zu kämpfen. Eine Offensive aus der Luft würde nun vor allem die zivile Bevölkerung der Stadt gefährden.

Iraks Regierung rät Menschen aus Geldnot von der Flucht ab

Den irakischen Streitkräften und ihren Verbündeten steht nun womöglich ein monatelanger Häuserkampf bevor. Vermutlich werden sich die IS-Kämpfer in den engen Gassen der Altstadt verschanzen. Hier sind Panzer nutzlos - es sei denn, man nimmt die Zerstörung uralter Monumente in Kauf. Der IS hat in Mossul bereits Dutzende historische Denkmäler und Jahrtausende alte Statuen aus assyrischer Zeit zerstört.

An der Offensive auf Mossul sind neben dem irakischen Militär auch Soldaten der kurdischen Peschmerga und US-Anti-Terror-Einheiten beteiligt. Unübersichtlich wird die Lage, weil sich außerdem auch schiitische Milizen am Sturm auf Mossul beteiligen wollen - was die Sunniten in der Region ablehnen. Außerdem hat die Türkei Truppen in der Nähe Mossuls stationiert, deren Abzug der Irak fordert.

Hilfsorganisationen warnen vor einem Flüchtlingsdrama, weil die bisher im Land errichteten Zeltlager für Schutzsuchende nur 100 000 Menschen aufnehmen könnten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR rechnet aber mit bis zu einer Million Flüchtlingen, von denen bis zu 700 000 humanitäre Hilfe benötigen könnten. UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien sagte, insbesondere für Familien sei die Gefahr extrem groß, ins Kreuzfeuer der Kriegsparteien zu geraten. Sie sind nicht so mobil und können nicht so leicht fliehen wie andere.

Bei der Unterbringung derer, die es aus Mossul hinausschaffen, könnte es außerdem Probleme geben, da die sunnitischen Bewohner nur schwer im schiitischen Süden untergebracht werden können. Auch in den Kurdengebieten ist die Bereitschaft gering, noch mehr arabische Iraker aufzunehmen. Die irakische Regierung sagt, sie habe nicht genügend Geld, um Flüchtlingen zu helfen. Sie riet der Bevölkerung daher, in ihren Häusern zu bleiben statt zu flüchten.

Der IS wird vermutlich alles tun wird, um die Stadt zu halten. Hilfsorganisationen befürchten, dass die Dschihadisten nicht davor zurückschrecken werden, Zehntausende Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Und auch wenn die Offensive auf Mossul gelingen sollte, wäre der IS im Irak zwar weitgehend besiegt, aber das Ende der islamistischen Terrorherrschaft im sogenannten Kalifat würde das noch nicht bedeuten: Im Nachbarland Syrien beherrscht der IS nach wie vor große Gebiete.

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