Serie „Original aus Wien“, Folge 22Von Kindern und Komplexen

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Sigmund Freud lebte und arbeitete fast 50 Jahre lang in der Berggasse in Wien. 1938 floh er vor den Nazis nach London, wo er ein Jahr später starb.
Sigmund Freud lebte und arbeitete fast 50 Jahre lang in der Berggasse in Wien. 1938 floh er vor den Nazis nach London, wo er ein Jahr später starb. Collage: Katharina Wutta; Fotos: Imago

Sigmund Freud ist der Begründer der Psychoanalyse. Über einen Mann, der sich für das Innenleben von Menschen und das Rückenmark von Fischen interessierte.

Von Gerhard Fischer

Den Ödipuskomplex, natürlich, den kennt jeder. Er bedeutet die Hinwendung des Jungen zur Mutter und die Rivalität zum Vater (der mythische Ödipus hatte seinen Papa sogar getötet, allerdings unwissentlich). Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat den Terminus geprägt, genauso wie die Verdrängung oder das Über-Ich. Und der Freudsche Versprecher? Er ist ist eine sprachliche „Fehlleistung“ (noch ein Begriff aus dem Freud-Kosmos), bei der ein unbewusster Gedanke oder Wunsch durch eine unbeabsichtigte Falschaussage zutage tritt. Witzbolde nennen dabei gerne das Beispiel „Lasst uns aufstoßen“ statt „anstoßen“.

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sigismund Schlomo Freud im mährischen Freiberg geboren. Sein Vater Jacob, ein Wollhändler, war in dritter Ehe mit der viel jüngeren Amalia verheiratet. Als der Texttilhandel 1859 pleiteging, zog die jüdische Familie nach Wien und lebte im zweiten Bezirk, der Leopoldstadt. Sigmund Freud ging aufs Gymnasium und hatte als einziges Kind der Familie ein eigenes Zimmer, das er mit Büchern füllte. Angeblich nahm er seine Mahlzeiten häufig dort ein, um keine Zeit beim Lesen zu verlieren. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn einmal „einen Büchermenschen, der niemals jung und leichtsinnig, sondern schon immer altklug war“.

Freud studierte zunächst Philosophie und Biologie, dann Medizin. Seine Dissertation schrieb er über das Rückenmark niederer Fische. 1881 beendete er sein Studium, 1882 lernte er Martha Bernays kennen, seine spätere Frau, mit der er sechs Kinder hatte – unter ihnen Anna, die ebenfalls Psychoanalytikerin wurde. Freud arbeitete zunächst als Assistenzarzt, seit 1902 war er dann Professor für Neuropathologie an der Universität Wien und wurde schließlich zum Seelenarzt. Im Wintersemester 1915 bot er samstags eine Vorlesung an, die auch für die Öffentlichkeit zugänglich war: die Einführung in die Psychoanalyse. Freud hatte die Psychoanalyse durch seine Arbeit mit Neurologen wie Jean-Martin Charcot entwickelt, der für seine Arbeit mit Hypnose bekannt war. Freud, der anfangs auch mit Hypnose arbeitete, glaubte daran, dass verdrängte Kindheitskonflikte zu seelischen Störungen führen.

Sigmund Freud lebte und arbeitete von 1891 bis 1938 in der Berggasse 19 im Alsergrund, dem 9. Wiener Bezirk; dort ist heute das Sigmund-Freud-Museum untergebracht. 1933 wurden Freuds Bücher verbrannt, 1938 floh er vor den Nazis nach London, um, wie er sagte, seine letzten Monate in Freiheit zu verbringen. Freud hatte Gaumenkrebs. Der Begründer der Psychoanalyse starb am 23. September 1939 in London.

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