Serie „Original aus Wien“, Folge 19Zwischen Wiesengrund und Wurschtel

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Lotte Tobisch galt als Grande Dame der Wiener Society. Sie pflegte Freundschaften mit Bruno Kreisky, Elias Canetti und Theodor W. Adorno.
Lotte Tobisch galt als Grande Dame der Wiener Society. Sie pflegte Freundschaften mit Bruno Kreisky, Elias Canetti und Theodor W. Adorno. Collage: Katharina Wutta; Foto: Leopold Nekula, Imago.

Lotte Tobisch war Schauspielerin und Society Lady. Sie organisierte 15 Jahre lang den Wiener Opernball, schrieb Briefe an Adorno – und hatte für Richard Lugner eine besonders schöne Bezeichnung.

Von Gerhard Fischer

Lotte Tobisch? Junge Menschen können mit dem Namen vielleicht nichts anfangen. Für mittelalte Menschen ist Tobisch die Frau, die den Wiener Opernball organisierte (von 1981 bis 1996). Und für ältere Menschen ist sie auch noch Schauspielerin. Den Opernball nannte Tobisch einmal ein „Geschäftstreffen, an dem Künstler, Adelige, Umweltschützer und Diktatoren unter einem Dach tanzen“. Überhaupt war sie direkt und kreativ in der Wortwahl. Opernball-Entertainer Richard Lugner nannte sie „Wurschtel“. Wurschtel müsse man aushalten, sagte sie. „Und ich habe ihn immer verteidigt. Der passt mit seinen Gästen gut auf so ein Faschingsfest.“

Charlotte Tobisch stammte aus einer einstmals adeligen Großindustriellenfamilie. Sie wurde am 28. März 1926 als Tochter des Architekten Karl Tobisch-Labotýn und seiner Frau Nora Anna Josefine Maria Krassl von Traissenegg geboren. Mit 18 brach sie aus ihrer Familie aus, weil ihr dort „die Konventionen auf die Nerven gingen“. Später zog sie, unkonventionell, mit dem 37 Jahre älteren Burgtheater-Dramaturgen Erhard Buschbeck zusammen. Außerdem pflegte sie Freundschaften mit Bruno Kreisky, Elias Canetti und dem Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno (ihr Briefwechsel mit Adorno wurde 2003 veröffentlicht).

Lotte Tobisch war zunächst Schauspielerin, sie war am Burgtheater, wo sie unter anderem die Regentin Maria Theresia spielte, am Wiener Volkstheater und am Theater in der Josefstadt. Und sie drehte Filme. Zum Beispiel spielte sie Hitlers Partnerin Eva Braun im Antikriegsfilm „Der letzte Akt“, der die letzten Kriegstage in Berlin schildert, besonders die Situation im Führerbunker.

Später wurde Lotte Tobisch eine Society Lady – sie selbst wollte eher Society-Löwin genannt werden – und organisierte den Wiener Opernball. Für sie war es offenbar ein Leichtes, das eine (Schauspielerei) loszulassen und das andere (Opernball) zu starten. „Eine meiner wenigen guten Eigenschaften ist, ich weiß, wenn was zu Ende ist“, sagte sie dem Standard. „Auch was ich gespielt habe, das interessiert mich nicht mehr – das ist ein anderes Leben.“ Sie bezeichne sich als einen „Menschen ohne Blick zurück im Zorn“. Und so war es wohl auch nach ihrer Opernballzeit.

Zur Ruhe gesetzt hatte sie sich freilich nie. „Ich habe noch 1.000 Gschäftl“, sagte sie anlässlich ihres 90. Geburtstages. Vor der Nationalratswahl 2017 zeigte sie in einem Video ihre Sympathie für die Neos, sie schrieb eine Kolumne für das Wochenmagazin News, und sie engagierte sich für die Aktion „Künstler helfen Künstlern“. Lotte Tobisch, die starke Raucherin war und an der Lungenkrankheit COPD litt, starb am 19. Oktober 2019 im Alter von 93 Jahren im Künstlerheim in Baden bei Wien.

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