MeinungÖsterreichWie ein Wiener Kleinbürger zur Kultfigur wurde

Kolumne von Gerhard Fischer

Lesezeit: 2 Min.

Der Mundl, wie man ihn kennt: Schnauzbart, trüber Blick, vor einer Flasche Bier sitzend, immer bereit, seine Lebensweisheiten unter die Leute zu bringen.
Der Mundl, wie man ihn kennt: Schnauzbart, trüber Blick, vor einer Flasche Bier sitzend, immer bereit, seine Lebensweisheiten unter die Leute zu bringen. Foto: ORF

Die ORF-Serie „Mundl“ über einen lauten, derben Wiener wird 50. Anfangs waren die Leute empört, aber bald war Mundl Kult. Warum eigentlich?

Am 8. Juni 1975, also vor 50 Jahren, lief die erste Folge der ORF-Serie „Mundl. Ein echter Wiener geht nicht unter.“ Mundl, das ist der Elektriker Edmund Sackbauer, der mit Frau und zwei erwachsenen Kindern in einer kleinen Wohnung in Wien-Favoriten lebt (Sohn Karli schläft auf der Couch, Tochter Hanni im Kabinett). Mundl ist ein Patriarch, ein Prolet, ein Polterer mit einem Misstrauen gegenüber Großkopferten oder Studierten. Wo es Widerworte gibt, droht Mundl: „Wann i amal mit meim Vater so gredt hätt, der hätt ma a Watschn gebn, dass mir 14 Tag der Schädel gwackelt hätt!“ Nach der Ausstrahlung der ersten Folge gab es empörte Anrufe beim ORF. Einer rief ins Telefon: „Sads es deppert? Mir Wiener san net so ordinär, es Arschlöcher!“

Ich wuchs in Bayern auf, den Sender FS1 (heute heißt er ORF1) konnten wir nicht empfangen. Als ich Anfang 20 war, also Ende der 80er-Jahre, machte mich ein Freund auf Mundl aufmerksam. Ich schaute mir die ersten Folgen an (vermutlich auf einer Videokassette) und sah, wie Mundl Silvesterraketen in Wohnungen feuerte und wie er fluchte, schimpfte und drohte: „Glaubst, der Sackbauer Mundl lasst si am Schädel scheißen und sagt no Dankschön?“ Es war eine Milieustudie wie bei den „Münchner Gschichten“ von Helmut Dietl (oder vielleicht noch besser: wie bei „Ekel Alfred“ Tetzlaff), bloß rauer und ordinärer, und ich dachte mir: Die trauen sich was!

Ich vergaß den Mundl, bis ich neulich in einem Wiener Antiquariat ein Buch über die Sackbauer-Sippe entdeckte: Kurt Ockermüller, der bei einigen Folgen Regie geführt hatte, brachte es 2010 heraus; es gibt den Inhalt von allen 24 Folgen wieder. Ich las es, sprach mit Freunden und Kolleginnen – und wurde schließlich auf ein zweites, aktuelles Mundl-Buch aufmerksam gemacht, geschrieben vom Journalisten Bert Rebhandl.

Natürlich weiß ich, dass Mundl längst Kult ist. Dass Mundl-Sprüche („... Watschn, dass mir 14 Tag der Schädel wackelt“) in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen wurden. Und dass Edmund Sackbauer nicht nur ein aufbrausender Depp war, sondern sukzessive auch sein weicher Kern offengelegt wurde. Rebhandl gräbt tiefer, er betrachtet das Ganze soziologisch, filmhistorisch, psychologisch: „(...) nie zuvor war das, was im Kastl (im Fernseher, Anm. d. Red.) zu sehen war, dem Alltag vieler Menschen so nahe gekommen wie im Juni 1975, als ein Wohnzimmer mit Küchenzeile und Nasszelle in Favoriten plötzlich genauso für Österreich stand wie das Hotel Sacher oder das Burgtheater“. Leute wie die Sackbauers habe es damals quer durch die Republik gegeben, „ein bürgerliches Österreich sah sich mit seinen proletarischen Gegenübern konfrontiert“. Und Mundl? Der sei eine Verkörperung der österreichischen Seele, wie davor der Herr Karl. Wie treffend!

Übrigens hatten sich die meisten Österreicher schon 1979, nach der Ausstrahlung der letzten Folge, mit Edmund Sackbauer versöhnt. Weil Mundl nämlich bellte, aber nicht biss. „Edmund Sackbauers gesammelte Flüche entlockten zum Schluss selbst den artigsten Spießbürgern keinen Protest mehr“, schrieb die Kronen Zeitung, „sondern nur noch ein mildes Lächeln.“

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