Im Dezember 1938 waren der jüdische Komponist Hermann Leopoldi und der jüdische Librettist Fritz Löhner-Beda im KZ Buchenwald eingesperrt. Sie kreierten dort das sogenannte Buchenwald-Lied mit den Textzeilen „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ oder „Denn einmal kommt der Tag: dann sind wir frei!“. Auf Leopoldi traf das zu – seine Frau Eugenie, die bereits in die USA emigriert war, und deren Eltern konnten ihn freikaufen. Löhner-Beda hingegen wurde 1942 im KZ Auschwitz ermordet.
Hermann Leopoldi kam am 15. August 1888 als Hersch Kohn im Wiener Vorort Gaudenzdorf zur Welt. Sein Vater Leopold war Pianist und brachte den Söhnen Hersch und Ferdinand das Klavierspielen bei. Hersch machte zunächst eine Lehre bei einer Galanterie-Großwarenhandlung, doch der Verkauf von modischen Accessoires langweilte ihn. Bereits mit 16 Jahren trat er als Pianist auf und tourte durch Niederösterreich. Immer öfter nannte er sich Hermann statt Hersch, was keine religiösen Gründe gehabt haben soll.
Nach dem Ersten Weltkrieg eröffneten die beiden Brüder – sie nannten sich nun Leopoldi (zu Ehren des Vaters Leopold) – ein Vergnügungslokal im ersten Wiener Bezirk. Hermann Leopoldi war ein begabter Musiker, jedoch ein schlechter Geschäftsmann, gar ein Zocker. Er verspielte sein Geld bei Pferderennen, das Lokal musste nach drei Jahren schließen. Leopoldi nannte sich fortan Klavierhumorist und tourte als Liederkomponist, Barpianist, Kapellmeister und Unterhaltungskünstler durch europäische Großstädte.
Seiner Karriere setzten die Nazis ein vorläufiges Ende. Leopoldi kam ins KZ Dachau und ins KZ Buchenwald, nach seiner Freilassung wanderte er nach New York aus, wo er von der Familie und Reportern empfangen wurde. Beim Betreten des amerikanischen Bodens küsste er diesen. „Ein Bild, das um die Welt ging“, schreibt Michael Horowitz in dem Buch „Wiener Originale“.
In den USA konnte Leopoldi seine Karriere wieder aufnehmen, er trat mit der Sängerin Helly Möslein auf, die zunächst seine Bühnen-, später seine Lebenspartnerin wurde. Das Duo spielte unter anderem in der Carnegie Hall, und es entstanden Lieder wie „Schnucki, ach Schnucki, fahr’n wir nach Kentucky“.
1947 kehrte Hermann Leopoldi nach Österreich zurück. „Wiener Cafés, Bars und Varietés rissen sich um ihn“, schreibt Horowitz. Leopoldi komponierte weiter Lieder wie „In einem kleinen Café in Hernals“; eine Zeile daraus lautet: „In einem kleinen Café in Hernals klopft manches Herzerl hinauf bis zum Hals, und geb’n zwei Verliebte sich dort ein Rendezvous, drückt der Herr Ober diskret ein Auge zu.“ Einzi Stolz, Ehefrau des Operettenkomponisten Robert Stolz, sagte über Leopoldi: „In seinen Liedern lebt bestes, unverfälschtes Wienertum.“
Hermann Leopoldi starb am 28. Juni 1959, Helly Möslein am 6. Juli 1998. Um das künstlerische Erbe der beiden kümmert sich Sohn Ronald. Am 1. Oktober 2012 wurde an einem Haus im Bezirk Penzing eine Gedenktafel enthüllt, die an seine früheren Bewohner Leopoldi und Möslein erinnert.

