Serie „Original aus Wien“, Folge 24Pro Zeile eine Zigarette

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H. C. Artmann nannte sich selbst einen „barocken Menschen“. Er schrieb, rauchte und trank, und er hatte fünf Kinder von fünf Frauen.
H. C. Artmann nannte sich selbst einen „barocken Menschen“. Er schrieb, rauchte und trank, und er hatte fünf Kinder von fünf Frauen. Collage: Katharina Wutta; Foto: Bruni Meya, picture-alliance/akg-images

Der Dichter H. C. Artmann war ein Vagabund, der viele Sprachen und die Sprache beherrschte – und einmal sogar mit „Asterix“ sein Geld verdiente.

Von Gerhard Fischer

Der Fotograf Sepp Dreissinger, ein Freund von H. C. Artmann, erzählte der Süddeutschen Zeitung einmal, wie der Dichter zu einer kuriosen Lesung ins Café Mozart in Wien gekommen ist. Artmann hätte eigentlich wegen einer Operation im Krankenhaus bleiben sollen. Doch er ließ sich von Sanitätern ins Café tragen, las, wie er immer las (fast singend), und wurde danach mit der Trage wieder hinausgeschafft. Das Publikum jubelte.

Hans Carl Artmann wurde am 12. Juni 1921 im 14. Wiener Bezirk (Penzing) geboren, als Sohn eines Schuhmachers. Bereits als Teenager las er viel und lernte auf eigene Faust Sprachen, was er sein Leben lang tat – er beherrschte angeblich Englisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Japanisch und Malaiisch. Nach der Volksschule arbeitete Artmann als Lehrling bei einem Silberhersteller, ehe er im Zweiten Weltkrieg als Soldat kämpfen musste. Er hatte einen Oberschenkel-Durchschuss, lag neun Monate im Lazarett und verbrachte zweieinhalb Jahre in der Gefangenschaft, unter anderem in Sibirien, ehe ihm die Flucht gelang.

Nach 1945 schlug er sich in Wien als Dolmetscher durch, war Statist am Burgtheater und beim Film. Sein Satz „Was halten Sie von Joyce?“ wurde allerdings aus dem Klassiker „Der dritte Mann“ herausgeschnitten, er war angeblich zu dialektgefärbt. Artmann gründete 1952 die „Wiener Gruppe“, einen Kreis experimenteller Schriftsteller, und hatte 1958 mit den Dialektgedichten „med ana schwoazzn dintn“ großen Erfolg. Später distanzierte er sich davon, weil er nicht als Mundartdichter gelten wollte.

Wien wurde ihm dann zu eng, der „vagabundierende Phantast“ (Deutschlandfunk) ging nach Stockholm und Berlin und reiste durch Europa, wo er auch als Metro Goldwyn Artmann oder Artmann of Arabia publizierte und auftrat. In seinen Gedichten verzichtete er stets auf Versalien (und oft auch auf Grammatik und Sinn), was damals als Widerstand gegen konventionelle Regeln galt (heute werden Sprachnachrichten oft ohne Versalien geschrieben, aber wohl eher aus Faulheit). Artmann, längst als liebenswerter Rebell bekannt, war meistens klamm, aber schon genial, die Süddeutsche Zeitung nannte ihn den „großen Österreicher, der wie kaum ein anderer die Sprachgrenzen des Dialekts, der Orthografie, des spielerischen, kreativen, dadaistischen, barocken Zugangs zu Worten, Tönen, Bildern ausgelotet hat“. Und der schwarze Humor durfte auch nicht fehlen. 1999 übersetzte er „Asterix als Legionär“ ins Wienerische.

Mit seiner dritten Frau, der Schriftstellerin Rosa Pock, und der gemeinsamen Tochter ließ er sich nach seinen Europareisen für eine Zeit in Salzburg nieder. In seinen letzten Jahren lebte er wieder in Wien, in der Josefstadt. Artmann, der mit dem Motto „pro Zeile eine Zigarette“ viele Jahrzehnte zubrachte, starb am 4. Dezember 2000 mit 79 Jahren.

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