Serie „Original aus Wien“, Folge 6Sprachspiel ohne Grenzen

Lesezeit: 2 Min.

Friederike Mayröcker wohnte ihr Leben lang in Wien. Der Stil der Schriftstellerin war unkonventionell, sie erfand auch mal Worte wie „Widerschlaf“.
Friederike Mayröcker wohnte ihr Leben lang in Wien. Der Stil der Schriftstellerin war unkonventionell, sie erfand auch mal Worte wie „Widerschlaf“. Collage: Alexander Bauer, Fotos: SZ Photo/Brigitte Friedrich, Imago

Die Dichterin Friederike Mayröcker lebte ihre Leidenschaft sehr konsequent: Sie schrieb und schrieb und schrieb. Wie gut, dass sie das mit ihrem Partner Ernst Jandl teilen konnte.

Von Gerhard Fischer

War Friederike Mayröcker obsessiv, was das Schreiben anging? „Ich fühle mich nur am Leben, wenn ich schreibe“, sagte sie in einem Interview mit dem SZ-Magazin. „Seit ich 15 bin, explodiert es jeden Tag in mir. Mein Kopf ist so voll, und alles muss raus, ich kann nicht anders.“ Sie sei „besessen vom Schreiben“. Allerdings sei sie dabei auch glücklich. Und deshalb schrieb Mayröcker wohl nicht obsessiv (das ist oft quälend), sondern eher fanatisch. Denn Fanatismus ist laut Duden ein „rigoroses, unduldsames Eintreten für eine Sache oder Idee als Ziel, das kompromisslos durchzusetzen versucht wird“. Mayröcker hat oft ihre Mitmenschen vergessen, wenn sie schrieb oder schreiben wollte.

Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren, wo sie ihr ganzes Leben verbrachte. 1939, mit 15, schrieb sie erste literarische Texte. Es folgten bis zu ihrem Tod mehr als 80 Bücher. Prosa, Kinderbücher, Hörspiele. Aber berühmt ist sie für ihre Gedichte, die man schwer kategorisieren kann. Sind sie wild, unkonventionell, experimentell? Manchmal sind sie auch einfach. Es gab jedenfalls keine Regeln, keine Grenzen, manchmal erfand sie Worte wie  „Widerschlaf“ oder „vertikale Verrücktheitskatzen“. Versteht man das? „Die Leute sagen, mein Werk sei schwierig“, sagte sie dem SZ-Magazin, „ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Mayröcker zunächst als Englischlehrerin gearbeitet. Aber sie hat es nicht gern gemacht. Zum einen wollte sie, wie sie meinte, den Kindern nicht sagen, was sie zu schreiben und zu denken hätten. Und zum anderen war das Ganze für sie selbst verlorene Zeit; Zeit, in der sie nicht schreiben konnte. Mit 45 ließ sie sich vom Dienst befreien, mit 53 frühpensionieren.

Da war sie längst mit dem Dichter Ernst Jandl liiert, den sie 1954 kennengelernt hatte. Beide hatten anfangs dürre Jahre, was die Resonanz auf ihr Schreiben anging, und die Auflagen von Mayröckers Büchern waren auch später niemals hoch. Aber sie hatte ihre Fans, und sie gewann Preise, etwa den Trakl-, den Hölderlin- oder den Büchner-Preis. Sie lebte offenbar mehr von den Preisgeldern als von den verkauften Exemplaren.

Im Jahr 2000 starb Ernst Jandl, und Friedrike Mayröcker lebte fortan noch zurückgezogener in der Zentagasse in Wien-Margareten. Alleine war sie nicht, denn um sie herum lagen Bücher und Manuskripte. Sie nannte ihr Arbeitszimmer „Zettelhöhle“, die Fotos davon, wie sie, meist in Schwarz gekleidet, zwischen dem Chaos hockt, sind legendär. Wenn man genau hinschaut, sieht man auch ihr Arbeitsgerät: Mayröcker schrieb auf einer Hermes-Baby-Schreibmaschine aus den 1960er-Jahren. Aber manchmal war es schon einsam, und einmal schrieb sie: „habe mit niemand/gesprochen den ganzen Tag, nur: zahlen bitte im Gasthaus /zumittag“. Friederike Mayröcker starb 2021 mit 96 Jahren, natürlich in Wien.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Serie „Original aus Wien“, Folge 5
:Flugangst beim Höhenflug

Falco war ein berühmter Musiker. Aber künstlerisch und psychisch ging es bei ihm bergauf und bergab. Vielleicht hatte das auch mit seinem Vater zu tun.

Von Gerhard Fischer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: