MeinungÖsterreichWarum junge Wiener nicht mehr Dialekt sprechen

Kolumne von Gerhard Fischer

Lesezeit: 2 Min.

Der Schauspieler Hans Moser (1880 bis 1964) hat nicht nur genuschelt, sondern auch Dialekt gesprochen.
Der Schauspieler Hans Moser (1880 bis 1964) hat nicht nur genuschelt, sondern auch Dialekt gesprochen. (Foto: Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Oma sagt etwas, und die Enkelin versteht es nicht: Ist der Dialekt nur noch etwas für Touristen und für alte Wiener?

Wenn man die Augen schließt und an Schweden denkt, was sieht man dann? Rote Holzhäuser, Wasser, Bullerbü, Pippi Langstrumpf. Wenn man, als Deutscher, an Wien denkt, sieht man Kaffeehäuser, die Hofburg, den Opernball, das Sacher, Kottan und Hans Moser. Und die Wiener, nun ja, sie reden in dieser Vorstellung natürlich wie Kottan und Hans Moser. Klar, das ist eine romantisierende Vorstellung oder ein Klischee, also laut Duden „ein Stilmittel, das mittlerweile veraltet, abgenutzt oder überbeansprucht erscheint“.

Nehmen wir die Sprache. Ich war mal bei einem Dialektabend in einem Wirtshaus in der Brigittenau, bei dem ein Papier mit der Überschrift W.W.W. Der „Wiener Würstelstand Weltweit“ verteilt wurde (Unterüberschrift: „Seit 27. November 2024 immaterielles Kulturerbe der Unesco“). Auf dem Papier standen Ausdrücke, die man angeblich am Würstelstand verwendet, plus Übersetzung für Piefkes, zum Beispiel: „Aoaschpfeifferl“ (scharfe Pfefferoni), „Kobara“ (Besitzer vom Stand) oder „Tschopperlwossa“ (Himbeerwasser). Das klang alles sehr urig. Und lustig. Urlustig würde der Wiener vielleicht sagen.

Nun, ich schrieb darüber eine Kolumne und bekam dafür Leserbriefe, nette, aber auch grantige. Das sei Wienerisch für Touristen, schrieb jemand, am Würstelstand würde keiner so reden. Ich würde „Topfen“ (Unsinn) erzählen, meinte eine andere. Es gebe höchstens noch alte Wiener, die so sprächen, erklärte ein Dritter. Ich bekam Tipps, welche Dialekt-Kolumnen in Wiener Zeitungen ich fortan lesen solle, um mich weiterzubilden.

Gottlob bietet auch der ORF noch Bildungsfernsehen an, etwa Hanno Setteles Doku „Red Deitsch, Oida. Ist Österreich lost?“. Settele ist etwa so alt wie ich, also ein Boomer, und er wird am Beginn der Doku schier wahnsinnig, weil er von einem Kollegen mit Ausdrücken bombardiert wird, die er entweder nicht versteht, oder die ihn einfach nur nerven: „remote“, „IRL“, „goofy“ und „tbh“, was in dieser Reihenfolge „eine Tätigkeit, die von überall erledigt werden kann“, „in real life“ (im wirklichen Leben), „albern“ und „to be honest“ (um ehrlich zu sein) bedeutet.

Settele spricht daraufhin unter anderem mit dem Kabarettisten Thomas Stipsits („Meine Kinder reden eigentlich auch so“) und zwei Sprachforschern von der Uni Wien und er erfährt: Die jungen Wiener kopieren oft die Influencer, ihre Sprache ist eine Mischung aus Denglisch, Kunstwörtern und Hochdeutsch, weshalb – leider, leider – der Dialekt verschwindet. Und mit ihm eine ganze Welt?

Denn was bedeutet es für den Alltag, wenn, zugespitzt gesagt, ein Influencer-Denglisch den Wiener Dialekt verdrängt? Dazu eine Auswahl der Aussagen in der Settele-Doku: Die Oma sagt etwas und die Enkelin versteht es nicht – und umgekehrt; mit „tbh“ und „IRL“ wird die Sprache verkürzt; Sprache hat sich immer geändert, aber die hohe Geschwindigkeit der Veränderung ist neu; in Wien sozialisiert man die Jungen seit den 1970er-Jahren nicht mehr mit Dialekt; 29 Prozent der Erwachsenen in Österreich haben eine Leseschwäche; Internet, KI und Migration haben eine gewaltige Auswirkung auf den Sprachwandel. Und: Der Schmäh geht mit dem Dialekt verloren.

Das ist schade, tbh.

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:Willst du in Wien bestehen, musst du den Dialekt verstehen

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