MeinungÖsterreichWie SOS-Kinderdorf nach Missbrauchsfällen die „Unkultur des Schweigens“ beenden will

Portrait undefined Verena Mayer

Kolumne von Verena Mayer

Lesezeit: 2 Min.

Das Logo von SOS-Kinderdorf weckte lange Zeit nur positive Assoziationen: Hier fängt man Kinder auf; hier geht es ihnen gut. Aber nun hat die Marke durch Missbrauchsfälle schweren Schaden genommen.
Das Logo von SOS-Kinderdorf weckte lange Zeit nur positive Assoziationen: Hier fängt man Kinder auf; hier geht es ihnen gut. Aber nun hat die Marke durch Missbrauchsfälle schweren Schaden genommen. (Foto: Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der Gründer von SOS-Kinderdorf, Hermann Gmeiner, soll acht Jungen sexuell missbraucht haben. Die Organsiation hat das wie andere Skandale lange geheim gehalten. Nun will sie diese „Unkultur des Schweigens“ beenden.

Ich kann mich noch gut an die Weihnachtskarten meiner Jugend erinnern. Fröhliche Kinder waren darauf zu sehen, dazu das Logo von SOS-Kinderdorf. Ich habe oft die Spendengala „Licht ins Dunkel“ im ORF geguckt, in der Stars für die Kinderdörfer warben, und natürlich lernte ich an meiner Wiener Schule auch über den österreichischen Gründer der Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, und was dieser in Sachen Kindeswohl erreicht habe. Vermutlich sind die meisten Österreicherinnen und Österreicher Ü40 mit dieser Gewissheit aufgewachsen: dass da jemand aus einem kleinen Land Großes für die Welt leistete.

Inzwischen wirkt diese Erzählung äußerst fragwürdig. SOS-Kinderdorf Österreich hat vor einigen Wochen publik gemacht, dass der von vielen als Lichtgestalt bezeichnete Hermann Gmeiner acht Jungen sexuell missbraucht haben soll. Die Betroffenen sind von SOS-Kinderdorf zwischen 2013 und 2023 in Opferschutzverfahren entschädigt worden. Klar ist inzwischen auch, dass die Organisation mit diesem Wissen äußerst verhalten umging. Um nicht zu sagen: Vieles wurde verschwiegen, auch nach Gmeiners Tod 1986.

Wie meine Kollegen und ich recherchiert haben, gab es nicht nur seit  langer Zeit Hinweise auf die problematische Persönlichkeit Hermann Gmeiners, sondern auch auf den erklärungsbedürftigen Umgang seines Nachfolgers Helmut Kutin mit einem Großspender. Kutin, der ebenfalls von vielen verehrt wurde, hofierte offenbar einen Großspender, der zwischen 2010 und 2015 in einem Kinderdorf in Nepal mehrere Jungen missbraucht haben soll und sich 2013 mutmaßlich einen minderjährigen Kinderdorf-Zögling zuführen ließ, in sein Haus in Niederösterreich.

Der Fall des Großspenders war SOS-Kinderdorf offenbar bekannt und wurde von 2021 an in verschiedenen internen Berichten der Organisation benannt. Auch bei den beiden deutschen SOS-Vereinen in München sollen Vorwürfe gegen Kutin, der von den Taten des Großspenders gewusst haben soll, spätestens von 2023 an intern thematisiert worden sein. Was einen der Vereine nicht daran hinderte, den Mann noch 2024 in einem Nachruf für „hohe moralische Prinzipien“ zu loben.

Am Mittwoch hat sich in Wien der neue Aufsichtsratsvorsitzende von SOS-Kinderdorf Österreich, Friedrich Santner, an die Öffentlichkeit gewandt. Er wies darauf hin, dass die Organisation gute Arbeit leistete und es in den vergangenen Jahren zahlreiche Reformen in Sachen Kinderschutz gab. Viele ausgebildete Pädagoginnen und Erzieher seien heute in den Kinderdörfern im Einsatz. Aber Santner, der selbst in einem Kinderdorf aufgewachsen war, kündigte auch an, dass sich die Organistion neu aufstellen müsse. Eine Reformkommission unter der Leitung der früheren Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Irmgard Griss, soll aufarbeiten, was in den vergangenen Jahrzehnten geschah und Empfehlungen daraus ableiten.

Und es soll mit der „Unkultur des Schweigens“ gebrochen werden, wie das die Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf Österreich, Annemarie Schlack, genannt hatte. So bestand die erste Maßnahme des neuen Aufsichtsrats darin, die SOS-Geschäftsführung von ihrer „überbordenden Verschwiegenheitspflicht“ zu entbinden, die diese gegenüber Behörden und Justiz hatte. Kinderschutz stehe über Markenschutz, so Santner.

Bei Skandalen in Institutionen geht es nicht nur um mögliches Fehlverhalten, sondern auch darum, wie eine Institution damit umgeht. SOS-Österreich hat nun die Möglichkeit, die Vergangenheit transparent zu machen und den Betroffenen von Gewalt und Missbrauch die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen. Und dafür zu sorgen, dass man beim Anblick von Weihnachtskarten mit dem SOS-Logo kein mulmiges Gefühl bekommt.

Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Gleich kostenlos anmelden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SOS-Kinderdorf in Österreich
:Wurden Missbrauchsvorwürfe gegen Hermann Gmeiner verschwiegen?

Das SOS-Kinderdorf Österreich sieht sich schweren Vorwürfen von Kindesmissbrauch ausgesetzt. Intern wusste man davon offenbar schon jahrelang. Auch vom Verdacht gegen Gründer Hermann Gmeiner: Er soll acht Kinder missbraucht haben.

SZ PlusVon Joshua Beer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: