Österreich-Kolumne:Ganz allein

Lesezeit: 3 min

Former Austrian Chancellor Kurz resigns from all political duties, in Vienna

Letzter großer Auftritt, zumindest bis auf Weiteres: Sebastian Kurz bei seiner Abtrittsrede am Donnerstag in Wien.

(Foto: Lisi Niesner/Reuters)

Vieles hat man Sebastian Kurz bei seiner Abschiedserklärung, wieder mal und aus gutem Grund, nicht geglaubt. Bleibt die Frage: Was weiß man eigentlich über den Ex-Kanzler?

Von Cathrin Kahlweit

Als ich am Donnerstagabend, nach der Verfertigung von drei Texten über die Lage in Österreich, ermattet vom ORF auf die ARD umschaltete und einen Bericht über den Abschied von Angela Merkel sah, hatte ich für einen Moment einen trockenen Mund: 16 Jahre war sie "meine" Kanzlerin; meine Kinder kannten, seit sie politisch denken können, keine andere Regierungschefin in Deutschland als diese unscheinbare, mit einem wunderbar trockenen Humor gesegnete, lösungsorientierte Frau. Und ich dachte, für einen Moment: Ich werde sie vermissen. Man wird ja im Alter etwas sentimental.

Sie sagte in ihrer Rede Worte wie "Demut", "Respekt" und "Vertrauen" -und man glaubte ihr das. Sie verwies auf die für Deutschland so wichtige Geschichte des Bendlerblocks, wo einst einige der Widerständler des 20. Juni hingerichtet worden waren und wo nun der Große Zapfenstreich für sie stattfand (lesen Sie den Text "Kanzlerschaft im Schnelldurchlauf"). Und sie sprach über die Pandemie und das Leid, das diese hervorbringt. Und dann hatte ich Sebastian Kurz vor mir, in der ÖVP-Akademie, der in einen beängstigend eng stehenden Wall von Kameras hineinsprach und so tat, als gehe er aus freien Stücken und mit Fröhlichkeit im Herzen.

Merkwürdige rhetorische Turnübung

Das mit der Fröhlichkeit im Herzen hatte Merkel auch gesagt, aber da passte es. Wer Kurz zuhörte bei seiner merkwürdigen rhetorischen Turnübung, die eine ungebrochen optimistische, selbstbewusste Abschiedserklärung nach einem tiefen Fall darstellen sollte, dem konnte der 35-Jährige fast ein wenig leidtun.

Da stand er ganz allein, starrte in diese toten, schwarzen Objektive und musste behaupten, er verlasse wegen seines Sohnes die Politik. Er hat auch das, wie vieles, gut rübergebracht. Aber man hat es ihm, wie vieles, wieder mal und aus gutem Grund nicht geglaubt.

Es werden in den kommenden Tagen noch viele Leitartikel über Sebastian Kurz und das türkise Experiment geschrieben werden, und sicher auch einige Bücher. Erstaunlicherweise gibt es ja bisher kaum ernst zu nehmende Monografien über das Phänomen des österreichischen Neopopulismus und dessen Personal. Vielleicht, weil viele Autorinnen und Autoren sicherheitshalber das Ende abwarten wollten, vielleicht, weil der inner circle, allen Chats zum Trotz, eben doch zu hermetisch abgeschottet war von Einblicken in diesen gut geölten, aber nicht gut gedachten Apparat. Vielleicht auch, weil man sich alledem lieber satirisch annäherte, wie Elias Hirschl mit seinem Basti-Lookalike-Roman.

Aber jetzt wird es ernst. Jetzt wird aufgeräumt. Jemand schrieb auf Twitter, "während die Fanboys des heimischen Journalismus noch mit Lobhudeleien zum Fremdschämen" einlüden, hätte ich, also die SZ-Korrespondentin, "präzise geschrieben, was war und ist". Das stimmt natürlich nicht.

Wo geht Kurz hin mit seinen 35 Jahren?

Erstens waren es vor allem Fangirls, die um den Ex-Kanzler und die Türkisen zuletzt wütende Tränen weinten, und zum anderen ist die Zahl der Fans von Kurz in den österreichischen Medien - und, was das anbelangt, auch in der Politik - in den vergangenen Wochen schon dramatisch eingebrochen. So viel schlechte Nachrede war selten. Und die meisten Texte sind sehr fundiert.

Noch einmal zurück zu Angela Merkel. Es wurde ja viel geschrieben über ihre Musikauswahl und ihre Vorlieben. Hildegard Knefs rote Rosen, Nina Hagens Farbfilm. Ihre Biografie halt, ihr Humor. Das ging mir gestern Abend auch durch den Kopf, als sich ihr Mann, Joachim Sauer, zu ihr stellte, die scheidende Kanzlerin eine Rose aus einem großen Bottich zog und sie ihrer langjährigen Freundin und Noch-Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gab, als zum Schluss "Ich bete an die Macht der Liebe" gespielt wurde: Man wusste so wenig über diese Frau, und doch genug.

Was aber wusste man eigentlich über Sebastian Kurz? Über seine Vorlieben, seine Hobbys? In seiner Abschiedsrede sprach er über sein Baby und, fast klang es ein wenig ausweichend, über seine "Familie"; das Wort Freundin brachte er erst im Abgang über die Lippen. Wer war der Mensch, der gestern eigens betonen musste, er sei kein Heiliger, wo geht er hin mit seinen 35? Man weiß es nicht. Er wird es uns beizeiten wissen lassen. Vielleicht via Facebook, wie sein Freund Gernot Blümel, der Finanzminister. Rücktritte mit Stil und Würde sehen anders aus.

Diese Kolumne erscheint am 3. Dezember 2021 auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung zu Österreich in der SZ bündelt. Gleich kostenlos anmelden.

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