MeinungÖsterreichEs braucht noch weitere Rücktritte, bis sich wirklich etwas ändert

Portrait undefined Alexandra Föderl-Schmid

Kolumne von Alexandra Föderl-Schmid

Lesezeit: 2 Min.

Roland Weißmann trat am 9. März 2026 als ORF-Generaldirektor nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück, die er bestreitet.
Roland Weißmann trat am 9. März 2026 als ORF-Generaldirektor nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück, die er bestreitet.
Christoph Soeder/dpa

Der ORF-Chef ist zurücktreten, der Intendant der Salzburger Festspiele ist seinen Job ebenfalls los. Beiden wird vorgeworfen, Grenzen im Umgang mit Mitarbeiterinnen überschritten zu haben. Was begünstigt solches Fehlverhalten bis heute?

SZ bei Google bevorzugen

In Österreich bewegt sich was. Es ist Zeit, die seit Jahrzehnten verbreitete Ansicht zu korrigieren, dass es keine Rücktrittskultur gibt. In dieser Woche hat sich der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser in die Pension verabschiedet. Aus freien Stücken, ohne Skandal, wohl geplant. Der SPÖ-Politiker hat befunden, es sei nach 13 Jahren im Amt Zeit, an einen Nachfolger zu übergeben. Mit seinem unaufgeregten Stil hat sich der 67-Jährige für die Wahl zum Bundespräsidenten empfohlen, die plangemäß 2028 stattfinden wird.

Gar nicht freiwillig waren indes die Rücktritte in zwei anderen aktuellen Fällen. Wobei, das Wort Kultur ist im Fall von ORF-Chef Roland Weißmann völlig unpassend, angesichts der Fotos und Nachrichten, die zu seinem Abgang führten. Bei Markus Hinterhäusers Rückzug als künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele ging es ebenfalls nicht zuvorderst um Kultur, sondern um eine Machtprobe, nach dem Motto: Wer sitzt am längeren Hebel? Hinterhäuser oder Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP), die um den Titel „Eiserne Lady Salzburgs“ mit ihrer Stellvertreterin Marlene Svazek (FPÖ) rittert.

Die Fälle Weißmann und Hinterhäuser sind unterschiedlich gelagert, letztlich haben sie dennoch eines gemeinsam: Es geht um die Frage, wie Macht und Einfluss benutzt werden im Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die hierarchisch untergeben sind. Welcher Ton ist im Umgang miteinander angemessen? Wann sind Grenzen überschritten? Das gilt es nun zu klären – nicht nur juristisch.

Es geht um ein System, das seit Jahrzehnten existiert und nun in verschiedenen Bereichen aufbricht. Dabei hat sich, wie sich gerade zeigt, bislang nicht viel bewegt in Österreich. In früheren Zeiten gab es sie gehäuft, die Museumschefs, die tolle Ausstellungen organisierten und gleichzeitig glaubten, sich alles herausnehmen und selbstherrlich bestimmen zu können. Regisseure und Theaterintendanten traten in Wien nicht nur auf der Bühne als Berserker auf. Bisweilen wurden Abberufungen und Nicht-mehr-Bestellungen als Exempel statuiert. Nachhaltige Wirkung zeigten sie nicht.

In der Medienbranche erinnern sich viele Journalistinnen an einen Bankchef, der ihnen ungefragt die Hand auf das Knie gelegt hat. Es gab einen Zeitungseigentümer, der seinen Verlegerkollegen in Anwesenheit einer Mitarbeiterin gefragt hat, ob er denn schon mit ihr geschlafen habe. Im ORF hatte es für einen Vorgesetzten keine Konsequenzen, dass er seiner Mitarbeiterin einen flotten Dreier vorgeschlagen hat.

Alles ein paar Jahre her – gewiss. Aber offensichtlich und erstaunlicherweise sind diese Ich-kann-mir-alles-erlauben-Einstellungen noch immer weitverbreitet. Sie kommen als Unverschämtheiten daher oder als Grenzüberschreitungen. Immer noch werden zum Beispiel Jobangebote eingesetzt, um Druck auszuüben. Dieses Verhalten gehört endlich abgestellt. Darum geht es. Nicht darum, dass man Frauen keine Komplimente mehr machen oder keine klaren Ansagen treffen darf. Es gilt das zu unterlassen, was unanständig ist. Und so zu handeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Begünstigt wird Fehlverhalten, weil es in Österreich ein System gibt, das in seiner harmloseren Form als Freunderlwirtschaft bezeichnet wird. Posten können nach wie vor nach persönlichem Gutdünken vergeben werden. Nicht Kompetenz, sondern Kontakte zählen. Vielleicht braucht es noch ein paar Rücktritte mehr, bis es zu einer echten Veränderung kommt. Erst dann kann man von einer besseren Rücktrittskultur sprechen – sogar in Österreich.

Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Hier gleich kostenlos anmelden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

ORF
:„Null Toleranz für schlechtes Verhalten“

Der ORF-Generaldirektor Roland Weißmann tritt nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück, die er bestreitet. Der Fall trifft den österreichischen Rundfunk im schlechtesten Moment.

SZ PlusVon Verena Mayer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: