MeinungÖsterreichWieso ein unrühmliches Kapitel in der Olympiageschichte sein Gutes hat

Kolumne von Felix Haselsteiner

Lesezeit: 2 Min.

Drei Österreicher unter den besten drei: Beim Olympia-Slalom 2006 in Turin siegte Benjamin Raich (li.) vor Reinfried Herbst (re.) und Rainer Schönfelder.
Drei Österreicher unter den besten drei: Beim Olympia-Slalom 2006 in Turin siegte Benjamin Raich (li.) vor Reinfried Herbst (re.) und Rainer Schönfelder. Imago

Winterspiele in Norditalien waren für Österreichs Sportler stets ein gutes Pflaster. Doch 2006 kam es in Turin zu einem großen Dopingskandal.

Ach, schönes Italien, wer schwelgt da nicht in Erinnerungen? Das beliebteste Urlaubsland der Österreicher ist – nach Österreich – immer noch der südliche Nachbar. In Gedanken ist immer ein bisserl Nostalgie dabei, gerade jetzt, wenn Mailand, Cortina und die Olympischen Spiele ins Fernsehen kommen. Die alten Geschichten sind eng verbunden mit diesen Orten: Es war schließlich Kaiserin Sisi, die eine Passstraße durch Cortina ausbauen ließ, um so schneller in ihr geliebtes Meran zu kommen. Mailand gehörte sowieso zweimal zu Österreich, im 18. und 19. Jahrhundert. Dort beginnt zudem die Strada del Sole in den Süden; auch wenn man bei Winterspielen eher nicht „in der Hitz’“ steht, wie einst Rainhard Fendrich.

Und dann die ganzen Heldengeschichten aus dem Sport. 1956, Olympia in Cortina, die 15-jährige Eiskunstläuferin Ingrid Wendl und ihre Bronzemedaille, und der große Toni Sailer gewann gar drei Goldmedaillen. Fünfzig Jahre später, 2006, waren die Winterspiele in Norditalien erst recht ein Traum: In Turin jubelte Benjamin Raich an der Spitze eines Dreifacherfolgs im Slalom, Michaela Dorfmeister, Thomas Morgenstern und Felix Gottwald sicherten sich jeweils zwei Goldmedaillen. Mit insgesamt 23 Medaillen sind es bis heute die erfolgreichsten Winterspiele in der Landesgeschichte. Den Österreichern gelang vor zwanzig Jahren alles. Außer der Flucht.

Schauplatzwechsel nach Feistritz an der Drau in Kärnten, das ist zwar nicht mehr Italien, aber dennoch wichtig. An einem Februarabend raste dort Walter Mayer, einstiger Erfolgstrainer der Nordischen Sportler, bei einer Verfolgungsjagd in eine Polizeikontrolle. Er war, stark alkoholisiert, vor den italienischen Carabinieri geflüchtet, aus Angst vor einer Verhaftung. Bloß weg aus Turin wollten damals auch andere aus der Biathlon- und Langlaufmannschaft: In einer nächtlichen Aktion waren im Team Dopingmittel sichergestellt worden, der Wahnsinn brach los.

Erst tagelang, dann jahrelang wurde der Dopingfall von Turin aufgearbeitet, die Ermittlungen brachten Schattenseiten des Sportsystems ans Licht. Aber dieser Fall hatte seine guten Seiten: Der legendäre Satz aus Turin von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel „Austria is a too small country for doping“ ist bis heute amüsant.

Spätestens seit Turin 2006 ist bei den Österreichern also immer alles ein bisserl, wie Wolf Haas schreiben würde, Dings. Meine Oma hat mir früher den Standardsatz „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ vermittelt, eine gute Journalisten-Lehre klingt ähnlich. Zu viele Medaillen und zu große Erfolge sollte man stets kritisch hinterfragen. Besser immer an die Verfolgungsjagd in Kärnten denken. Und daran, dass wirklich nicht nur große Nationen dopen, sehr geehrter Herr Schröcksnadel.

Ein bisserl ironisch ist ja, 20 Jahre nach dem Dopingskandal, der Rollentausch. Denn zumindest was die Skibewerbe angeht, stets der Stolz der Nation, zählen die Österreicher heuer mehrheitlich nicht zu den Sieganwärtern, aus den Verfolgten sind die Verfolger geworden. Unabhängig von irgendwelchen Doping-Geschichten.

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