In meiner Familie gibt es einen jungen Mann, den wir „Fürst“ nennen. Ich will nicht erklären, warum wir das tun. Dies würde zu weit führen, es tut nichts zur Sache, und es interessiert vermutlich niemanden. Jedenfalls war ich neulich in Salzburg und ging in der Brodgasse an der Café-Konditorei Fürst vorbei. Ich machte ein Foto vom Fürst-Geschäft und schickte es dem jungen Mann aus meiner Familie mit der – natürlich nicht ernst gemeinten – Unterschrift: „Fürst! Zweites Standbein? Café gekauft?“ Er antwortete prompt und schrieb: „Nenn’ mich künftig Mozartkugelfürst.“
Was er, obwohl er Bayer ist, wusste: Die Konditorei Fürst verkauft die „Original Salzburger Mozartkugeln“. Also die echten. Die ersten. Die ursprünglichen. Paul Fürst hatte die Kugeln erschaffen, es steht auch auf einer Gedenktafel am Gebäude in der Brodgasse: „In diesem Haus erfand im Jahr 1890 der Salzburger Konditor Paul Fürst (1856 – 1941) die heute weltbekannte Original Salzburger Mozartkugel.“
Nun geriet die Geschichte in dieser Woche ins Wanken, und der Historiker Gerhard Ammerer brachte die Kugel sozusagen ins Rollen. Ammerer, der an einem Buch über die Mozartkugel arbeitet, entdeckte wohl ein Inserat in der Tageszeitung Die Presse vom 3. Februar 1881. Dort stand: „Salzburger Spezialität Mozartkugeln – handgefertigt von R. Baumann, Conditor, Salzburg“. Das Inserat bewarb auch einen Versand der Mozartkugeln. Neun Jahre bevor Paul Fürst sie erfunden haben soll. „Damit ist eine Neubewertung der bisherigen Legendenbildung unumgänglich“, sagte Ammerer den Salzburger Nachrichten.
Was die Sache noch mehr würzt: Es gibt einen Nachfolger dieses „R. Baumann, Conditor, Salzburg“, nämlich die heutige Confiserie Holzermayr auf dem Alten Markt. Alexander Truschner, Urenkel von Firmengründer Josef Holzermayr, sagte das, was Ammerer sagte, mit anderen Worten: „Die Geschichte der Mozartkugel muss neu geschrieben werden.“ Truschner erwägt angeblich rechtliche Schritte. Er hat laut Salzburger Nachrichten einen Markenanwalt kontaktiert.
Und was sagt der Fürst dazu? Martin Fürst, der die Konditorei heute führt, sieht es offenbar gelassen. Zur Presse meinte er: „Sollte es zu einer freien Beweisführung kommen, haben wir viel in der Hand.“ Was das sein wird? Laut Standard hat die Konditorei bereits diese Stellungnahme abgegeben: Der Fund (von Historiker Ammerer, Anm. d. Red.) zeige lediglich eine Werbeeinschaltung für ein Produkt mit der Bezeichnung „Mozartkugel“, von denen es zu dieser Zeit diverse gegeben habe. „Etwa verschiedenartige Pralinen oder Gebäckstücke, gefüllt mit Schokoladecreme, Ananas oder Weichseln.“ Die 1890 von Paul Fürst erfundene Praline habe sich davon „wesentlich unterschieden“. Sie bestehe nämlich aus Marzipan mit Pistazien, Haselnuss-Nougat und dunkler Kuvertüre.
Viel Lärm um nichts also? Übrigens war die Schokokugel, die Paul Fürst 1890 erschuf, als Hommage an den 100. Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart gedacht. Mozart selbst, heißt es, aß am liebsten Sauerkaut mit Leberknödeln.
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