Über die sogenannte Tragödie von Mayerling gibt es Bücher und Filme (einen davon mit Omar Sharif und Catherine Deneuve), und das Ereignis, man könnte es auch Verbrechen nennen, ist fest in der österreichischen Geschichte verankert. Das war passiert: Am 30. Jänner 1889 findet ein Kammerdiener den Thronfolger Rudolf und seine Geliebte Mary Vetsera im Jagschloss Mayerling, beide sind tot. Damals wie heute wird angenommen, dass Rudolf seine Geliebte und sich erschossen hat. Er war in der arrangierten Ehe mit Stephanie unglücklich, er war unzufrieden mit der antiliberalen Politik seines Vaters Franz Joseph und er galt als psychisch fragil.
Aber waren das wirklich die Gründe für die Tat? Und was geschah in den Stunden vor dem Verbrechen? Antworten hätte Rudolfs Vertrauter und Leibfiaker Josef Bratfisch geben können. Aber der Kutscher und Sänger, der, so die Süddeutsche Zeitung, noch heute an der Donau zur Folklore gehört, schwieg bis zu seinem Tod.
Josef Bratfisch wurde am 26. August 1847 in der Wiener Vorstadt Schottenfeld geboren, als Sohn der Bauerntochter Anna und des Riemermeisters Franz Bratfisch. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Als junger Erwachsener arbeitete er wohl für das Wiener Fiakerunternehmen von Leopold Wollner; Wollner stellte ihm später ein eigenes Fuhrwerk und Pferde zur Verfügung. In den 1870er-Jahren fuhr Bratfisch mit dem Wagen Nr. 104.
Bratfisch liebte – wie viele Fiaker – die Volksmusik, die Wiener Lieder und das „Dudeln“, also das Jodeln. Er trat in Heurigenlokalen auf und musizierte unter anderem mit den bekannten Brüdern Schrammel. Die Morgen-Post nannte Bratfisch „den lautesten aller lauten Fiaker“. Kronprinz Rudolf lernte Bratfisch 1886 im Schloss Orth kennen, schreibt Michael Horowitz in seinem Buch „Wiener Originale“. Als Rudolf erkannte, dass der Sänger eigentlich Fiaker sei, engagierte er ihn. Er nannte den fülligen Kutscher „Nockerl“.
Josef Bratfisch brachte Mary Vetsera am 29. Jänner 1889 durchs tief verschneite Niederösterreich zum Schloss Mayerling, wo wenige Stunden später das Verbrechen geschah. Ihr Vater sei danach vier Tage verschollen gewesen, sagte später seine Tochter Antonia, und als er zurückgekommen sei, habe er über die Angelegenheit nicht gesprochen. Das tat er auch später nicht, denn der Hof kaufte offenbar sein Schweigen: Der Kutscher erhielt ein Haus im 17. Bezirk. Josef Bratfisch starb am 16. Dezember 1892 mit nur 45 Jahren in Wien.
In den Mayerling-Filmen wurde auch Bratfisch dargestellt, einmal sogar von Attila Hörbiger. Das Jagdschloss, das südwestlich von Wien lag, wurde später abgerissen. An seiner Stelle steht nun ein Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen.

