Süddeutsche Zeitung

Österreich: Korruptionsverdacht:Haiderdämmerung

Immer neue delikate Affärengeschichten: Österreich arbeitet im Sommerloch die Ära des toten Jörg Haider auf. Jeder entdeckt nun den Schmutz, und der Museumssaal mit Haider-Devotionalien bleibt leer.

Oliver Das Gupta, Klagenfurt

Schön sind sie nicht, aber es gibt sie zahlreich: Engel, überall Engel. Sie weinen, beten, schauen versonnen, manche schlafen.

Diese Figurenpracht gilt einem einstigen weltlichen Kungler, einem wendigen political animal, das sein Heimatland Österreich bis zum Tode in Atem hielt: dem langjährigen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider.

Dutzende der kitschigen weißen Figuren säumen jene Stelle im Örtchen Lambichl, an der Haider in den frühen Morgenstunden des 11. Oktober 2008 mit seinem VW Phaeton in den Tod raste. Eine Gedenkstätte samt Miniparkplatz haben die Trauernden hier an der südlichen Ausfallstraße Klagenfurts hingebaut, inklusive Schrein und nächtlicher Beleuchtung.

Zwischen all den Engeln, Grablichtern und gerahmten handgemalten Gedichten, die von "unserem Jörg" und manchmal auch von seinen "Killern" handeln, halten zwei ältere Frauen mürrisch Andacht. "Nix bewiesen", murmelt eine. Die andere sagt: "Das machen doch andere Parteien auch."

Leicht ist es in diesen Tagen nicht, auf Seiten Jörg Haiders zu sein. Seit einer Woche berichtet die Presse in Wien über geheime Millionen, die der Rechtsausleger angeblich von den arabischen Potentaten Saddam Hussein und Muammar el Gaddafi kassiert habe und in Liechtenstein bunkern ließ - eine Causa, die selbst die skandalgewohnten Österreicher schwer schlucken lässt.

Sogar in Kärnten, wo sie Haider posthum so verehrten, als habe er den Wörthersee höchstpersönlich erfunden, ist man ernüchtert. Hört man sich derzeit hier um, sagen fast alle - vom Tankwart bis zum Spitzenbeamten - ungefähr das Gleiche: Ja, mei, da wird schon was gewesen sein.

Einige wundern sich plötzlich, wie der "Jörgi" sich seinen extravaganten Lebensstil leisten konnte. Wie er mit dem Landeshauptmanns-Salär die kostspieligen Studien seiner Töchter finanzierte und dazu all die feschen Anzüge sowie die Reisen mit Privatjets. Einer erinnert sich daran, wie Haider im Wahlkampf einst von der einen Seite Klagenfurts auf die andere gekommen ist - mit dem Hubschrauber: "Wie konnte das alles bezahlt werden?"

Zahllose Spekulationen

Vieles in den Gazetten ist reißerisch aufgemacht, oft enden Überschriften mit Fragezeichen, in den Texten findet sich fast immer der Satz: "Es gilt die Unschuldsvermutung." Eine E-Mail Haiders wird gedruckt, in der der Politiker den Chef der Skandalbank Hypo Alpe Adria aufforderte, zwei Millionen Euro locker zu machen für die Fluglinie einiger seiner Spezln, freilich ohne Sicherheiten. Die Airline ging bald pleite, das Geld ist weg.

Spekulationen über Spekulationen

Ein Boulevardblatt schreibt über den Haider-Freund Saif el Gaddafi, dessen junge Begleiterin unter mysteriösen Umständen vom Balkon des Gaddafi-Anwesens in Wien stürzte und sich schwer verletzte. Der Diktatoren-Spross floh ohne Vernehmung nach London, konnte aber bald zurück nach Österreich: Ermittlungen eingestellt, der Ablauf sei nicht aufklärbar.

Immer mehr Indizien tragen Österreichs Journalisten über die Regierungsjahre von Haiders Parteien FPÖ und BZÖ zusammen. So soll bei den Privatisierungen von bundeseigenen Wohnungen das Personal aus Haiders Entourage kräftig Kasse gemacht haben. Die Protagonisten erklären Haider zum großen Strippenzieher. Aber es gilt auch die Erkenntnis: Auf Tote lassen sich unangenehme Dinge prima abschieben.

"Noch ist das alles Kaffeesatzleserei", kommentiert einer, der mit Haider von Amts wegen zusammengearbeitet hat, die Berichte. Der leitende Beamte will seinen Namen in keinem Medium lesen, aber einiges zur Sache will er schon loswerden. Er klagt vor allem über die Begleiter des Politikers: "Der Haider war in Ordnung, aber die Buberlpartie, die um ihn herumhing, leider nicht."

"Schweinejournalismus" oder investigative Recherche

An einen Unfall Haiders glaubt er nicht. Seine Theorie: "Da drohte ihm jemand mit einer Enthüllung, da wusste er nicht mehr aus. Das war Suizid." Und dann plaudert der Herr Doktor darüber, wie nett es gewesen sei, mit dem Jörg zusammenzusitzen, so wie fast jeder Einheimische eine eigene Anekdote erzählen kann. Vom Landesvater, der so fesch und mutig und cool war. Der überraschend immer und überall auftauchen konnte. Der notorisch umarmte und Hände schüttelte.

Für Haiders Zöglinge sind die vielen Berichte über Affären, Korruption und Selbstbedienung ohnehin ein klarer Fall von "Schweinejournalismus" und Diffamierung Verstorbener. Ein BZÖ-Funktionär, der auch gerne mal im Jackett des Verstorbenen auftritt, sah sich sogar an das antisemitische Nazi-Hetzblatt Der Stürmer erinnert.

Leere im Museum

Rolf Holub war mit Haider per du, und das ist in seinem Fall nicht selbstverständlich. Holub ist einer der beiden Grünen-Abgeordneten im Kärntner Landtag. Als seine Kollegin und er erstmals ins Parlament eingezogen waren, änderten die alteingesessenen Parteien inklusive Sozialdemokraten flugs die Satzung - damit Holub und seine Kollegin keine Fraktion bilden konnten. Seine Arbeit ist nach wie vor ein Kampf gegen alle anderen, aber vor allem ist es einer gegen den übermächtigen Jörg Haider gewesen.

"Dort, die Dame da" - Holub zeigt auf eine blonde Frau, die ein paar Meter weiter über Klagenfurts zentralen Neuen Platz läuft -, "das war Haiders Sekretärin." Der Himmel schließt sich, es beginnt zu tröpfeln. Auf dem Neuen Platz fand Haiders Trauerfeier statt. 30.000 Besucher waren gekommen, die kleine Landeshauptstadt platzte aus allen Nähten.

Holub bestellt sich einen Espresso, dann erzählt er. "Haider? Der war wirklich charismatisch. Rechtsradikal? War er nicht wirklich", sagt Holub, das braune Stammtischgehabe sei nur Masche gewesen.

"Ich glaube, er hätte sicherlich auch linkspopulistische Politik betrieben, wenn er sich Erfolg davon versprochen hätte." Schwarze Kassen hält er durchaus für möglich. Er ist sich allerdings sicher, dass nichts herausgekommen wäre, wenn Haider noch lebte: "Ich meine, er hätte alles abgebügelt - und zur Not auf die Ausländer und Juden abgeschoben."

Dass mögliche Millionen auf Liechtensteiner Konten etwas in Kärnten ändern würden, glaubt er nicht, zumindest nicht so schnell. "Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit - und bei uns ist sie ihre Enkelin. In Kärnten braucht alles eben ein bisschen länger."

Josef Holub erzählt, dass Haider einst verhindert habe, dass man ihm, dem Kabarettisten, einen Preis verleiht. Das habe ihn so gewurmt, sagt er grinsend, dass er in die Politik gegangen sei. "Haider hat sich immer überschätzt", sagt der Grüne noch, mit Geld habe er augenscheinlich nicht so gut umgehen können. Im Fernsehen habe er sogar einmal eingeräumt, dass Rechnen nicht seine Stärke sei.

Gähnende Leere im Museum

"Mathe war seine Schwäche", sagt auch seine Mutter. Dorothea Haider ist in einem der Videoclips zu sehen, die zur Sonderausstellung "Dr. Jörg Haider" gehören. Die Schau wurde nach dem Tod des Politikers im Bergbaumuseum Klagenfurt untergebracht. In den Vitrinen hängen Trachtenjanker des Verblichenen, in anderen liegen sein Handy, das handschriftliche Redemanuskript zum politischen Aschermittwoch 2002 und sein Kinderschaukelpferd Caesar.

Dazu allerlei Fotos von Haider mit Familie. Dazwischen Schautafeln. Es geht um Haiders erste Rede von 1966 (Titel: "Sind wir Österreicher Deutsche?") oder um die ganz große Politik. Eine Überschrift heißt: "Jörg Haider: Europa und die Welt" - und gezeigt werden drei Fotos von Begegnungen mit Papst Johannes Paul II., Gaddafi und Saddam Hussein.

Profil hat am Wochenende nachgelegt und berichtet von einem irakischen Geheimdienstschreiben, wonach Haider bei einem seiner Besuche von Saddam mehr als eine Million Euro erhalten haben soll. Doch auch bei diesem Bericht bleiben viele Fragen offen. Es könnten auch Geschichten aus Tausendundeiner Nacht sein.

Was die Besucher der Klagenfurter Sonderausstellung an diesem Sonntagnachmittag darüber denken, ist nicht zu erfahren: In den Räumen, die in den nackten Fels gehauen wurden, herrscht gähnende Leere. Seit die Liechtensteiner Konten in den Medien aufgetaucht sind, haben sich die Besucherzahlen fast halbiert: In der Vorwoche trugen sich noch 50 Haider-Fans ins Gästebuch ein, in dieser waren es nur 27.

Auf dem Plakat an der Straße, das in die Ausstellung locken soll, hat jemand das Wort "FASHIST" auf Haiders Stirn geschmiert. Von Engeln und betenden alten Frauen ist hier nichts zu sehen.

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