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Österreich-Kolumne:Duzen in Corona-Zeiten

Grenzschilder auf der Grenze zwischen Deutschland und Österreich auf einem Grat im Karwendelgebirge in der Nähe der Ber

Fraternisierung diesseits und jenseits der Grenze.

(Foto: Imago Images)

Über das Risiko, das die sympathische Fraternisierung über Altersgrenzen hinweg birgt.

Von Dominik Prantl

Wollen wir schon wieder über die Pandemie reden, weil die Sieben-Tage-Inzidenz in Österreich mittlerweile auf 300 zusteuert? Über skandalumwitterte Politiker, was in Österreich ein zeitloses Thema ist? Oder lieber über was ganz anderes, wie, sagen wir: Rainhard Fendrich? Wobei ja selbst der Sprung vom Austropopper (lesen Sie hier ein "Reden wir über Geld"-Interview mit Fendrich) zur Corona-Krise ein kurzer ist. So wurde in der jüngeren Vergangenheit Fendrichs inoffizielle Bundeshymne "I am from Austria" von jenen als Anti-Corona-Soundtrack beschlagnahmt, die in Pandemiemaßnahmen eine neue Form des Austrofaschismus wittern, was Fendrich dem Vernehmen nach nicht leiwand fand. Zur Erinnerung noch einmal die ersten zwei Zeilen, die Fendrich an sein Land adressiert: "Dei' hohe Zeit is lang vorüber. Und auch die Höll' hast hinter dir."

Fendrich outet sich übrigens schon mit dem informellen Du im Einstieg als sehr österreichisch. Ein Deutscher würde sein Land wahrscheinlich siezen, was weniger mit dem komplexen Verhältnis zur eigenen Geschichte zu tun hat als mit den unterschiedlichen Eigenheiten bei der pronominalen Anredeform. Seitdem ich vor einigen Jahren nach Tirol gezogen bin, habe ich mich jedenfalls daran gewöhnt, dass mich nicht nur die ohnehin kumpelhaften Automechaniker duzen, sondern auch Leserbriefschreiberinnen oder Ärztinnen. An der österreichisch-schweizerischen Grenze (anders als die Deutschen lassen die Schweizer die Tiroler noch ins Land) duzte mich dieser Tage sogar die Grenzbeamtin. So gerne ich es mittlerweile als Indiz für mein jugendliches Antlitz interpretieren würde; es wäre wahrscheinlich auch dem Fendrich als 55er-Jahrgang nicht anders ergangen.

Natürlich behaupten nur böse Zungen, dass alles andere als das Du unpassend wäre in einem Land wie Tirol, wo sowieso jeder mit jedem verwandt ist. Der naturgemäß leicht verklemmte Deutsche in mir fragt sich allerdings manchmal, ob diese eigentlich sympathische Fraternisierung über Altersgrenzen hinweg nicht auch manchmal gewisse Risiken birgt. So entsteht unter Duzbrüdern und -schwestern womöglich eine persönliche Nähe, die ­- so hat mein Kollege Werner Bartens aus dem Wissen-Ressort einmal sinngemäß geschrieben - zu dem Irrglauben verleitet, sich bei dem anderen nicht mit Corona zu infizieren. Und - aber das ist jetzt echt stark spekulativ - wenn beispielweise der Blümel der Gernot ist und der Neumann der Harald, wird es da leichter oder schwerer, ein unmoralisches Angebot auszuschlagen?

Weil ich jetzt doch wieder bei Politikern und Pandemie gelandet bin, nur noch dies: Wenn die hohe Zeit der Infektionszahlen vorüber ist und wir die Höll' auf den Intensivstationen hinter uns haben, dann werden wir diese Corona-Krise in Österreich - bei allem Respekt - mit einem "Schleich di, du Oaschloch" verabschieden. Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen.

Diese Kolumne erscheint am 26. März 2021 auch im Österreich-Newsletter.

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