Österreich:Überfüllte Züge machen Ärger

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Das Klimaticket im Nachbarland ist hoch erfolgreich - vielleicht sogar zu sehr. Was Deutschland daraus für das Neun-Euro-Ticket lernen kann.

Von Cathrin Kahlweit

Die Werbung ist ziemlich gut gemacht. "Das neue KlimaTicket Ö bietet wirklich allen etwas - nämlich alles: alle öffentlichen Verkehrsmittel Österreichs mit einem einzigen Ticket. Einfach und günstig. Ein wertvoller Beitrag für das Klima unseres Planeten", steht auf der Webseite, unterlegt mit einem satten Himmelblau.

Und damit ist im Prinzip auch schon gesagt, wie das Klimaticket in Österreich funktioniert. Wer es erwirbt, kann ein Jahr lang in jeden Bus, jede Straßenbahn, jeden Zug des ÖPNV oder der Bahn springen, aber auch in zahlreiche private Verkehrsmittel wie etwa die Westbahn oder Busse lokaler Anbieter, weil viele mitmachen. Einzige Bedingung: Man muss die scheckkartengroße, bunte Ausweiskarte dabeihaben, die belegt, dass man einmal eine größere Summe hingelegt hat. Und touristische Angebote wie Lifte oder nostalgische Zahnradbahnen gelten nicht.

Wer nicht ständig durch das ganze Land pendelt, kann auch regionale Jahrestickets für einzelne Bundesländer kaufen, die entsprechend weniger kosten. Bisherige Lösungen wie das populäre 365-Euro-Ticket in Wien, mit dem Kunden pro Tag nur einen Euro für die Nutzung des Nahverkehrs zahlen, gibt es als Alternative weiterhin.

Aber natürlich ist die ganze Geschichte doch etwas komplizierter und nicht so eindeutig himmelblau, wie die Werbung behauptet. Der Preis immerhin, regulär 1095 und mit Ermäßigung 821 Euro pro Jahr, gilt als höchst passabel. In der Schweiz etwa zahlt man deutlich mehr, in Deutschland, wo seit vielen Jahren über ein ähnliches Modell diskutiert wird, kostet allein die Bahncard 100 satte 4144 Euro in der zweiten Klasse.

Anderthalb Jahre lang hatte die grüne Verkehrsministerin Leonore Gewessler mit Ländern und Gemeinden verhandelt, bevor sie im vergangenen Oktober ihr "Herzensprojekt" präsentierte. Aber die Geburt war langwierig und von Streit ums Geld, großen Ankündigungen und gebrochenen Versprechen geprägt. 2007 hatte die schwarz-rote Koalition erstmals ein "Österreich-Ticket" in ihr Regierungsprogramm geschrieben, das keinesfalls mehr als 2000 Euro kosten sollte. Aber die Koalition zerbrach, diverse Parteien schrieben wiederum landesweite Öffi-Tickets oder genannte 1-2-3-Tickets in ihre Programme - nach dem Modell der Wiener Jahreskarte, die 2012 eingeführt worden war. Die Idee: 365 Euro für ein Bundesland, der doppelte Preis für zwei Länder und der dreifache für ganz Österreich. Erst die türkis-grüne Regierung machte Ernst; die Präsentation des koalitionären Prestigeprojekts erfolgte wenige Tage bevor Sebastian Kurz zurücktreten musste.

Anfangs waren nicht alle Länder an Bord gewesen; Wien, das Burgenland und Niederösterreich stellten zahlreiche Bedingungen. Gewessler drohte, das Klimaticket mit einer Koalition der Willigen einzuführen, zum Schluss waren dann alle an Bord. Am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober 2021, ging es los.

Der Run war groß, endlich mal war Österreich klimapolitisch vorneweg, und die Grünen konnten in ihrem mühsamen Überlebenskampf mit der ÖVP einen schönen Erfolg vorweisen. Heute, mehr als ein halbes Jahr später, heißt es aus dem Umweltministerium, die "Erwartungen seien mehr als übertroffen worden". Bisher wurden demnach 160 000 Klimatickets verkauft, monatlich kommen etwa 5000 Neukunden dazu. Österreich investiere, teilt ein Sprecher von Leonore Gewessler mit, 18,2 Milliarden Euro bis 2026 in die Bahn, insgesamt lägen die Ausgaben pro Kopf damit "im europäischen Spitzenfeld".

Kritik von Verkehrsexperten

So weit, so schön. Aber es gibt grundsätzliche Kritik von Verkehrsexperten. Die klagen, grob gesagt, darüber, dass das Versprechen des Klimatickets, überall in Österreich reisen zu können, nur bedingt eingelöst werde. Denn viele Regionen seien mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht oder schlecht erreichbar. Und es gebe einen großen Nachholbedarf an Investitionen, weil einige Bundesländer immer noch lieber Autobahnen und Schnellstraßen bauten, als in den Nahverkehr zu investieren.

Zusätzlich macht sich aktuell Ärger breit, und alle Kritiker des Neun-Euro-Tickets in Deutschland werden sich deswegen bestätigt fühlen: Überfüllte Züge vor allem auf den Hauptstrecken an beliebten Reisetagen, die ab und zu sogar von der Polizei geräumt werden müssen, haben zu einer Debatte darüber geführt, ob das Klimaticket schuld sei. Und ob die hohe Nachfrage mittlerweile schlicht das schnöde Angebot übersteige. Ministerium und Bahnexperten weisen darauf hin, dass auch höhere Spritpreise zu einer höheren Ausnutzung der Züge führten und dass es sich nur um Einzelfälle an wenigen Tagen handele. Gleichwohl wird bei der österreichischen Bahn derzeit eine Reservierungspflicht diskutiert; man schaue sich "alle Möglichkeiten an", heißt es bei den ÖBB. Gewessler freut sich jedenfalls darüber, dass Österreich hier mal Modellcharakter habe: "Man merkt ganz deutlich, viele Menschen wollen klimafreundlich unterwegs sein." Sie sollten sich dafür allerdings lieber einen Sitzplatz reservieren.

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