Wenn man an Willy Brandt denkt, sieht man seinen Kniefall in Warschau. Wenn man an Marilyn Monroe denkt, sieht man ein Lüftungsgitter und einen hochgewehten Rock. Und wenn man an Georg Kreisler denkt, dann hört man sein Lied „Tauben vergiften“ und diese Zeilen: „Der Hansl geht gern mit der Mali. Denn die Mali, die zahlt’s Zyankali. Die Herzen sind schwach und die Liebe ist stark. Beim Taubenvergiften im Park.“ Kreisler gilt deshalb als Meister des schwarzen Humors. Doch der Mann mit der großen schwarzen Brille wehrte sich dagegen, nur als Kabarettist bezeichnet zu werden.
Georg Franz Kreisler wurde am 18. Juli 1922 in Wien geboren. Mit sieben Jahren begann er eine Ausbildung am Klavier und erhielt später Unterricht in Musiktheorie, denn der Junge wollte Dirigent werden. Mit 15 musste er Wien verlassen. Die Kreislers waren Juden, sie flohen in die USA, gerade rechtzeitig bevor die Nazis ihnen das Leben nehmen konnten. 1943 bekam Georg Kreisler die amerikanische Staatsbürgerschaft, er wurde zur US-Armee eingezogen, spezialisierte sich auf Verhöre und vernahm nach dem Krieg in Deutschland unter anderem Julius Streicher, den Gründer des NS-Hetzblattes Der Stürmer.
Kreisler kehrte danach in die USA zurück und arbeitete als Musiker. Für den Film „Monsieur Verdoux – Der Frauenmörder von Paris“ assistierte er Charlie Chaplin. Der große Komiker pfiff Melodien, Kreisler spielte sie am Klavier, schrieb die Noten auf und gab sie weiter an Hanns Eisler, der daraus Filmmusik machte. Kreisler arbeitete zudem als Barpianist, Sänger und Unterhaltungskünstler, aber er hatte keinen Erfolg, denn die Amerikaner verstanden nicht, dass seine Boshaftigkeit Satire war. 1955 kehrte der Exil-Wiener in seine Geburtsstadt zurück.
Dort tat er sich zeitweise mit Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner und Peter Wehle zusammen und er sang deutschsprachige Songs in der legendären Marietta Bar. Georg Kreisler wurde ein singender Klavierhumorist, der Politik und Gesellschaft scharf kritisierte. Wien wurde für Kreisler „eine Art Bastelraum zur Herstellung von musikalisch-literarischen Abwehrraketen“, schrieb die Süddeutsche Zeitung einmal. „Kreisler hat seinen Landsleuten nie über den Weg getraut, weil er aus dem Dreivierteltakt verlässlich die nationale Grundmelodie aus Judenhass, Selbstgerechtigkeit und Sentimentalität heraushörte.“
Er zog 1958 wieder fort. Der Ruhelose lebte erst in München, dann noch einmal in Wien, schließlich auch in Berlin und Basel, 2007 kehrte er erneut nach Österreich zurück, diesmal nach Salzburg. Mittlerweile schrieb er Romane, Kurzgeschichten und Essays. Am 22. November 2011 starb der Komponist, Pianist, Sänger, Dichter, Anarchist, Melancholiker und, ja, Kabarettist im Alter von 89 Jahren. Er wurde in Salzburg beigesetzt. Eine der Trauerreden hielt die Schriftstellerin Eva Menasse.

