Ilse Aichinger war in ihren späten Lebensjahren fast täglich im Wiener Café Demel im 1. Bezirk. „Ich wohne um die Ecke und brauche immer dringend einen starken Kaffee“, sagte sie 2006 in einem Interview mit dem Fotografen Sepp Dreissinger. „Ich trinke bis zu fünf Tassen.“ Am Nachmittag ging sie dann stets ins Kino, genauer gesagt: ins Filmmuseum in der Albertina. Sie blieb dort oft bis Mitternacht. „Ich nenne das Zeitverwüstung“, sagte sie. Manche Filme habe sie 16-mal gesehen. „Da weiß ich schon, dass ich nie enttäuscht werde, höchstens gelangweilt.“ Im Leben der Autorin Ilse Aichinger war das eher andersherum.
Ilse Aichinger und ihre Zwillingsschwester Helga wurden am 1. November 1921 in Wien geboren, als Töchter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers. Nach der Machtergreifung der Nazis floh die Schwester nach London, Ilse und die Mutter blieben in Wien. Sie versteckten sich in einem Zimmer gegenüber dem Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz und überlebten das Dritte Reich. Die Oma, bei der Ilse Aichinger teilweise aufgewachsen war, wurde 1942 in einem Lkw verschleppt, was die Enkelin mitansehen musste. Die Großmutter und zwei Tanten wurden im deutschen Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk ermordet.
Nach dem Krieg begann Ilse Aichinger ein Medizinstudium, brach es aber nach fünf Semestern ab; sie sei „viel zu ungeschickt in der Anatomie“ gewesen, sagte sie. Stattdessen schrieb sie ihren teils autobiografischen Roman „Die größere Hoffnung“. Er erzählt aus der Perspektive des Mädchens Ellen Verfolgung und Flucht während der NS-Zeit. „Die größere Hoffnung“ ist der einzige Roman von Ilse Aichinger, er gilt als Beginn der österreichischen Nachkriegsliteratur. Ansonsten hat sie Kurzgeschichten, Erzählungen, Gedichte, Hörspiele und Essays geschrieben. „Schriftstellerin wollte ich nie werden“, sagte sie einmal. „Ich wollte einfach nur berichten, wie es war.“
Von 1951 an nahm sie, neben Ingeborg Bachmann, an den Schriftstellertreffen der Gruppe 47 teil, wo sie ihren späteren Mann Günter Eich kennenlernte. Das Paar lebte mit den Kindern Clemens, der ebenfalls Schriftsteller wurde und 1998 bei einem Unfall starb, und Mirjam in Bayern und im Salzburger Land. Mit Clemens war sie übrigens einmal in den USA, auf, nun ja, ungewöhnlicher Mission: Sie wollte für ihn ein Autogramm von Bob Dylan und suchte dessen Wohnung auf. „Eine junge Frau kam heraus, und ich habe sie um ein Autogramm für meinen Sohn gebeten“, erzählte sie Dreissinger im Interview. „Daraufhin kam Bob Dylan heraus und gab mir wirklich das Autogramm.“
1988 kehrte Ilse Aichinger nach Wien zurück, wo sie nach einer längeren Pause Ende der 1990er-Jahre wieder zu schreiben begann. Sie gewann Literaturpreise, obwohl ihre Publikationen immer kürzer wurden. Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren. 2018 wurde in Wien-Donaustadt (22. Bezirk) eine Gasse nach ihr benannt.

