Österreich:Hunderte Flüchtlinge warten in Salzburg - und haben Angst

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Flüchtlinge warten am Salzburger Hauptbahnhof. (Foto: dpa)
  • In Salzburg warten Flüchtlinge auf Züge, die sie weiter nach Deutschland bringen. Doch die Polizei versperrt ihnen den Weg.
  • Am Hauptbahnhof treffen Reisende auf die Schutzsuchenden.
  • Die Zusammenarbeit der Helfer mit dem Bundesheer funktioniere gut, heißt es.

Von Ruth Eisenreich, Salzburg

Der Zug nach Wien hätte eigentlich um 12:03 Uhr fahren sollen. Tatsächlich in Bewegung setzt er sich um 13:29 Uhr. Der Railjet nach Innsbruck und München, Planabfahrt 12:56 Uhr, steht da noch immer auf Gleis 3 des Salzburger Hauptbahnhofs. Voll ist er nicht - die meisten potenziellen Passagiere sitzen auf dem Boden der Bahnhofshalle, zwischen ihnen und der Rolltreppe eine Reihe Polizisten.

Durch die Reihe hindurch darf nur, wer nicht nach Flüchtling aussieht. Über den Köpfen eine Anzeigetafel: RJ 65 nach Budapest Keleti, 13:08 Uhr: Ausfall. IC 865 nach Wien-Westbahnhof, 13:12 Uhr: Ausfall. M 79330 nach München-Hauptbahnhof, 13:13 Uhr: Ausfall.

Die Bahnhofshalle ist voll. Viele Flüchtlinge hier wissen nicht so recht, was los ist - warum die Züge nicht fahren, wann sie wieder fahren, wie es nun mit ihnen weitergeht. Ein junger Syrer mit großer Sonnenbrille fragt nach einem Zug in die Niederlande und ist enttäuscht, als er erfährt, dass der Weg nicht nur weit ist, sondern auch durch Deutschland führt.

Schulklassen treffen auf Flüchtlingskinder

Zwischen den Flüchtlingen bahnen sich Touristen mit Rollkoffern ihren Weg, Caritas-Mitarbeiter, Soldaten und Freiwillige mit Einkaufswägen voller Essen, Getränken und Isomatten. Auch eine Schulklasse muss durch die Menge hindurch. Im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sich an solche Bilder offenbar schon gewöhnt haben, starren die Kinder die Flüchtlinge fasziniert und erschrocken zugleich an, manche von ihnen sind in ihrem Alter. "Ach du Scheiße", murmelt ein Mädchen.

Ricky Veichtlbauer koordiniert die freiwilligen Helfer. "Vorgestern Abend war mit einem Schlag alles anders", sagt sie. Da kündigte Deutschland an, an der Grenze nach Österreich wieder Kontrollen einzuführen, nur sporadisch verkehren seither Züge zwischen den beiden Ländern. Hunderte Flüchtlinge, die eigentlich nach Deutschland weiter wollten, strandeten in Wien und Salzburg.

Bis zwei Uhr war Veichtlbauer in der Nacht auf Dienstag am Bahnhof, jetzt ist sie schon wieder hier und hat alle Hände voll zu tun. "Die Flüchtlinge haben Angst", sagt Veichtlbauer. "Viele wissen nicht, wo sie sind, ob das hier schon Deutschland ist. Es ist ein Drama." Immerhin, die Zusammenarbeit mit der Caritas und dem Bundesheer funktioniere gut. Die Soldaten sind seit Sonntag ebenfalls hier im Einsatz, helfen bei der Organisation und schenken Tee aus.

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Immer noch kommen weitere Flüchtlinge nach Österreich. Etwa 6000 Flüchtlinge haben nach Angaben der Polizei seit Mitternacht die ungarisch-österreichische Grenze in Nickelsdorf überquert. Etwa 600 Flüchtlinge übernachteten in der Parkgarage unter dem Salzburger Hauptbahnhof. Viele von ihnen konnten nach Medienberichten am Vormittag weiterreisen - aber am Nachmittag sammelten sich wieder etwa 700 Flüchtlinge.

"Assad bad - Merkel good"

Die meisten von ihnen warten nun oben in der Halle, ein paar Familien sind aber noch hier, ein kleiner Bub läuft mit einem Stoffpferd unter dem Arm an den Biertischen vorbei, auf denen Caritas-Mitarbeiter Getränkepäckchen und Semmeln gestapelt haben. Viele Isomatten liegen am Boden, ein paar Feldbetten dazwischen.

Ein aufgeregter Mann in einer schwarzen Daunenjacke erzählt, dass er seine Familie in Syrien zurücklassen musste, "Baschar Assad bad!", sagt er. Er will weiter nach Deutschland oder Skandinavien - was, Sie sind aus Deutschland? "No problem: Angela Merkel", mit der Hand deutet der Mann ein Telefonat an. "Angela Merkel good", fügt er hinzu und schickt über seine Fingerspitzen einen Kuss an die deutsche Kanzlerin.

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