Süddeutsche Zeitung

Österreich-Kolumne:Tempolimit gegen Putin

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Deutschland und Österreich sind trotz Gaskrise und hohen Ölpreisen zaghaft beim Energiesparen. Ist es wirklich so unzumutbar, für einen Tag in der Woche aufs Auto zu verzichten? In den 70er-Jahren war die Politik mutiger.

Von Leila Al-Serori

Beim Kochen besser den Deckel auf den Topf geben. Der Wasserhahn sollte nicht länger als nötig offen sein. Fenster gehören abgedichtet.

Wer die Vorschläge aus der Werbekampagne zum Energiesparen der österreichischen Klimaschutzministerin Leonore Gewessler liest, kommt nicht umhin, sich zu fragen: Haben wir tatsächlich in so einem Überfluss gelebt, dass solch simple Spartipps neu sind? Und - vor allen Dingen - reichen sie, um sich gegen die von Russland und ihrem Präsidenten Wladimir Putin ausgelöste Gaskrise zu wappnen?

Österreich scheint zaghafter als Deutschland zu sein angesichts der sich wohl anbahnenden Notlage. Berlin hat wegen der gedrosselten Gaslieferungen am Donnerstag die zweite von drei Alarmstufen ausgerufen; Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen sagte: "Wir sind in einer Gaskrise. Gas ist von nun an ein knappes Gut."

Solch klare, durchaus aufrüttelnde Worte, sich selbst einzuschränken, sind in Österreich nicht zu vernehmen. Die Alarmstufe will die Bundesregierung noch nicht ausrufen. Erklärend dafür könnte sein, dass in Österreich weniger Industriebetriebe mit Gas versorgt werden müssen als in Deutschland. Dazu kommt, heißt es zumindest aus dem Klimaministerium in Wien, dass im Sommer anteilsmäßig deutlich mehr Strom aus Erneuerbaren erzeugt werden könne als in Deutschland.

Was eine Temporeduktion von 130 auf 100 km/h bewirkt

Wäre es nicht trotzdem an der Zeit, selbst wenn die Versorgung noch sichergestellt ist, deutlich unpopulärere Maßnahmen einzuführen, die wirklich effektiv sind? Bislang appelliert die deutsche Ampelkoalition hauptsächlich, wirklich einschränken muss sich noch niemand.

Bei der Ölkrise in den 70er-Jahren waren die Politiker rigoroser. Damals drosselten arabische Ölstaaten die Förderung und verhängten ein Embargo. Der Ölpreis stieg um das Vielfache. Die Regierungen sowohl in Österreich als auch in Deutschland verpflichteten daraufhin alle Autobesitzer zu einem autofreien Tag pro Woche. In öffentlichen Gebäuden wurde maximal auf 20 Grad Celsius geheizt. Energieferien und Sommerzeit wurden eingeführt, um zu sparen. Und der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky höchstpersönlich riet dazu, den Nassrasierer statt des elektrischen Rasierers zu verwenden.

Diesmal ist davon nichts zu hören, ein Tempolimit, um das ebenso überteuerte Öl zu sparen, wird höchstens als Empfehlung genannt. Stattdessen will man sowohl in Deutschland als auch in Österreich wieder für Strom vermehrt auf Kohle setzen und längst abgedrehte, weil klimaschädliche, Kraftwerke reaktivieren.

Dabei würde zumindest laut Umweltorganisation Global 2000 eine Temporeduktion von 130 auf 100 km/h auf der Autobahn ein Viertel der Energie je Fahrzeug einsparen.

Ist es uns wirklich nicht zuzumuten, langsamer zu fahren, einen Tag in der Woche aufs Auto zu verzichten, die Heizung runterzudrehen, ja, meinetwegen auch einfach nur beim Kochen den Deckel auf den Topf zu tun?

Ich hoffe nicht, sonst ist es auch angesichts der über allen schwelenden Klimakrise wirklich schlecht um uns bestellt.

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