Österreich:„Bonzen, Lügner, Kasper“

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Harald Vilimsky, FPÖ-Spitzenkandidat für die Europawahl, macht es wie sein Parteichef Herbert Kickl: Er gibt Medien, von denen er vorher glaubt, dass er das Ergebnis hinterher nicht mögen wird, keine Interviews. (Foto: Joe Klamar/AFP)

Die FPÖ schottet sich gerne ab – auch von unliebsamen Medien, die sie lieber beschimpft, als mit ihnen zu reden.

Kolumne von Cathrin Kahlweit

Ich muss heute mal ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Die FPÖ steht bei der Europawahl, wenn die Umfragen recht behalten, vor einem Kantersieg; zum ersten Mal dürfte sie – mit 27 Prozent oder mehr – weit vor allen anderen Parteien ins Ziel gehen. Das ist dann wohl nur das Vorspiel für die Nationalratswahlen Ende September. Da dürfte sie ebenso gut abschneiden – und mit einem solchen Ergebnis, weil eine Regierungsbildung ohne die Freiheitlichen enorm diffizil wird, eine mittlere Staatskrise auslösen.

Und weil ich nun mal Österreich-Korrespondentin bin, will ich heute meinen Frust mit Ihnen teilen: Die FPÖ hat, was sich viele rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien zum Vorbild genommen haben, früh ein eigenes Medienimperium aufgebaut. Sie braucht die sogenannten Mainstream-Medien nicht. Sie mag keine kritischen Fragen, keine Hintergrundberichte, keine Faktenchecks. Was sie mag, ist es, wenn FPÖ-Anhänger oder solche, die es werden sollen, sich im medialen Reich der Weltverschwörer, Ausländerhasser und Demokratieverächter aufgefangen, aufgehoben, verstanden fühlen.

Deshalb geben weder FPÖ-Chef Herbert Kickl noch der Spitzenkandidat für die EU-Wahl, Harald Vilimsky, jenen Medien Interviews, von denen sie vorher sicher sind, dass sie das Ergebnis hinterher sowieso nicht mögen werden. Die Abschottung geht aber weiter: Ausländische Korrespondenten werden oft auch nicht zu Parteitagen oder Wahlkampfveranstaltungen zugelassen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Selbst Anfragen zur Wahlparty am 9. Juni, wenn die Schlacht geschlagen ist, werden mit dem Verweis auf beengte Platzverhältnisse und die Bevorzugung einheimischer Medien abschlägig beschieden.

Fakt ist: Man könnte seinen Job sicher noch besser machen, wenn man von einer Partei, die sich demokratisch nennt und in einem demokratisch gewählten Parlament sitzt, auch Zugang und Antworten bekäme. Auch die beiden Profil-Autoren Gernot Bauer und Robert Treichler hätten für ihr Buch „Kickl und die Zerstörung Europas“ (Zsolnay Verlag) nur zu gern mit dem Parteivorsitzenden gesprochen, aber er mochte nicht. Nach Erscheinen hackte er dann lieber in einem siebenminütigen Video süffisant auf einigen Absätzen herum. Den beiden Autoren war ein Recherchefehler unterlaufen (die Verwechslung eines Großvaters mütterlicherseits). Inhaltlich hatte Kickl ansonsten nichts zu sagen.

Heute lag das Büchlein „Kickl beim Wort genommen“ (Czernin) von Nina Horaczek in meinem Briefkasten. Im Kapitel „Herbert Kickl über Medien“ findet man Anwürfe gegen die Öffentlich-Rechtlichen und sehr viele Beleidigungen: Bonzen, Lügner, Kasper, Propagandaorgan einer ökokommunistischen Klimasekte, willfährige Diener von Unterdrückung und Manipulation. Und wie sieht er die Haltung der eigenen Partei zu Meinungs- und Pressefreiheit? „Wir Freiheitlichen sind der Garant für eine starke Demokratie.“ Derzeit sieht es so aus, als werde die FPÖ nach dem 9. Juni mit noch größerer Selbstgewissheit und Arroganz den Gegenbeweis antreten dürfen.

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:Der Aggressor aus Kärnten

Gernot Bauer und Robert Treichler zeichnen ein erhellendes und erschreckendes Bild des österreichischen Rechtspopulisten Herbert Kickl: Taktiker, Demagoge, Ideologe und nicht zuletzt "Zerstörer Europas".

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