LeserbriefeDer verlorene Paradeiser

Lesezeit: 5 Min.

Liedermacher Georg Danzer (1946 bis 2007)  lebte, textete und sang in einer Zeit, als der Dialekt noch präsenter war.
Liedermacher Georg Danzer (1946 bis 2007)  lebte, textete und sang in einer Zeit, als der Dialekt noch präsenter war. (Foto: Foto: Ulla Baumgart)

In Wien ist der Dialekt und damit eine Kultur in Gefahr, wie viele Zuschriften von Leserinnen und Lesern zeigen. „Der Genuss, der Charme und die Nonchalance“ gehen verloren, und natürlich der Schmäh.

Zur Kolumne „Warum junge Wiener nicht mehr Dialekt sprechen“ im Österreich-Newsletter erreichten uns viele Leserbriefe. Hier eine Auswahl davon:

Giraffe statt „Schiraffe“

Ja, nicht nur der Dialekt verliert sich, auch das Österreichische, denn österreichische Kinder, die vor allem deutsches Fernsehen konsumieren, übernehmen auch die Redeweise. Zum Beispiel: Giraffe statt wie in Österreich üblich „Schiraffe“, Tomate statt „Paradeiser“, CHina statt „Kina“, kuck mal statt „schau“. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. (...) Schade, denn mit jeder Sprache, jedem Dialekt verschwindet eine Kultur. Jutta Martin (gebürtige Wienerin), Straßburg (Frankreich)

Klassiker des Dialekts bleiben

Imho („in my humble opinion/meiner bescheidenen Meinung nach“, Anm. d. Red.) glaube ich, dass es Begriffe gibt, die Generationen überdauern. So modern auch Denglisch sein mag, es wird immer „Oida“ und „Oasch“ geben. Die „Eitrige“ kennt sogar mein 14-jähriger Sohn, mittlerweile. Ich würde jene Begriffe unter Klassiker des Dialektes einordnen. Wahrscheinlich gibt es deren noch mehr, tbh. Thomas Kinsky, Baden bei Wien (Niederösterreich)

Ganz schwacher Kaffee

Ein Tschopperlwossa ist im (Ur-)Wienerischen ein ganz schwacher Kaffee. Ja, und der Ausdruck stirbt mit ganz vielen wunderbaren anderen auch, unaufhaltsam. Ganz viele Wiener unter 40 sprechen ein regional nicht mehr zuordenbares Deutsch. Da stirbt ja nicht nur ein Dialekt, sondern vor allem auch ein Wortschatz – während in Frankreich, um nur ein Beispiel zu nennen, „nid de poule“ für Schlagloch erhalten blieb; oder „quemacoco“ im Spanischen für Schiebedach („Glatzenverbrenner“). Rudolf Fiebinger, Wien

Beliebige Influencer-Sprache

„ A guada Schmäh braucht a Hirn, vüleicht nu a Herz – aba Goschn alan glaungt do ned.“ Leider geht mit der nivellierenden, beliebig gewordenen Influenzer-Sprache das Typische und die Individualität der Wiener Regionalsprache verloren. Den unablässigen und unmerklichen Austausch von Eigenem und Fremden gab es schon immer – aber die Geschwindigkeit, mit der dieser Dialekt aufgegeben bzw. verändert wird, ist bedenklich. München ist dafür ein trauriges Beispiel. Walter Berchtold, Fürstenzell (Bayern)

Bitte Krimis im Dialekt

Zum Dialekt-und Schmähverlust in Wien und Österreich ist es nicht sonderlich anders als bei uns in Köln und Umgebung. Wenn die Jungen zum Hochdeutsch in Schule und Elternhäusern gezwungen werden, nimmt der Dialekt als Muttersprache direkt ab. Trotzdem ist es im Burgenland mit dem Dialekt für Touristen wunderschön und der Schmäh aus Wien in der Musik, besonders als Schlager, ist eine besondere Ohrenweide. Wie vielfältig Dialekt ist, wird überall in Europa sichtbar und lokal ja zweisprachig auch angewendet. Die Veränderung durch das Internet und die Globalisierung und die Zuwanderung in allen Ländern lassen eine neue Sprachgemeinde entstehen. Aber auch die Jüngeren werden irgendwann ihren Dialekt als „Heimat“ empfinden und erfahren. Da, wo ich alles verstehe. Gegen Demenz ist Zuhören und Umdenken von Hochdeutsch auf Dialekt ja auch eine bereichernde Wirkung. Und bitte weiter alle Krimis und „Tatorte“ im Dialekt. Birgit Jambor, Kerpen (Nordrhein-Westfalen)

McDonald's gibt's überall

Ich lebe unmittelbar vor den Toren der Großstadt und habe in Wien einen Gutteil meines Schul- und mein gesamtes Berufsleben verbracht. Es geht hier vorrangig um den Wiener Dialekt. Die von ihnen erwähnte Form ist eher einer nicht verwöhnten Bevölkerungsschicht älterer Generationen in „ärmeren“ Randbezirken eigen. Dort kennt man auch jene „tiefen“ Ausdrücke, die sie zitieren, aber verwendet werden sie im täglichen Gebrauch kaum. Doch es gibt (noch) sehr wohl ein typisches Umgangs-Wienerisch – und das wird durch ARD-Sprache (die ja auch mit dem gesamten FS-Programm vom ORF immer lieber 1:1 übernommen wird) rücksichtslos überrannt. Es war vor nicht allzu langen Jahren noch üblich, Werbung sowohl für BRD-Ausstrahlung als auch Ö-Ausstrahlung eigens zu synchronisieren. Das ist nicht mehr der Fall, und so müssen auch wir hier heute „Rote-Bete-Flecken“ anstatt „Rote-Rüben-Flecken“ entfernen. Und das „tatsächlich“ statt „wirklich“. (...) Dass der Dialekt so rasch vernichtet wird, passiert vorwiegend im städtischen Bereich und das noch deutlich weniger durch die Online-Sprache als durch ausländischen Einfluss. Am Land, wo auch noch handwerkliche Berufe vorherrschen und weniger Zuzug stattfindet, haben die regionale Kultur und Sprache noch Wert. In der Stadt vernichten vermeintliche Bildung, ebensolche Weltoffenheit, Karriere- und Geldstreben um jeden Preis und der Drang, sich vom Plebs abheben zu müssen, die gesamte traditionelle Kultur. Es ist ja nicht nur die Sprache, sondern mit ihr die Lebensweise. (...) Sprache ändert sich, aber unsere wird ausgetauscht. Und damit der Genuss, der Charme und die Nonchalance – was man bisher an Wien geschätzt hat. Denn McDonald’s gibt’s überall. Günter Ripka, Klosterneuburg (Niederösterreich)

„Guten Morgen, oder besser: guadnmoang!“

Mein Sohn hat letzte Woche in eine indische Großfamilie in Goa eingeheiratet. Etwa 250 Gäste haben dieses Event eine Woche lang gefeiert. Bei dieser Dauerparty habe ich eine wunderbare Dame kennengelernt, ihrem zarten, kultivierten Dialekt war ich sofort verfallen. Ihr Wienerisch unterstrich ihre Eleganz perfekt. Es war ein großer Genuss, ihr zuzuhören. Ich hoffe sehr, dass dieser elegante, vielleicht auch mal derbe Dialekt noch lange zu hören sein wird. Thomas Höck, Warendorf (Nordrhein-Westfalen)

Auch der Schmäh verschwindet

Ja, der Dialekt verschwindet, und mit ihm der Schmäh. Das beschränkt sich nicht auf Wien, sondern betrifft ganz Österreich und Umland. Als Neo-Weinviertler (seit exakt 38 Jahren), geboren in Wien-Währing (vor 70 Jahren), verheiratet mit einer Art Ostfriesin, konnte ich das Verschwinden der hiesigen ui-Mundart beobachten. Bestätigt wurde diese Beobachtung durch Rezitieren eines kleinen Dialekt-Gedichtes in manch öffentlicher Runde im Rahmen meiner „Zeitreiseführungen“:

Geduidi zaht da Ochs en Pflui, bedächti‘, Schriat fia Schriat, und hot er vo‘ der Plo‘ daun gmui, so bleibt er oafoch steh, voschnnauft und rost‘ aun Raund.

Koa Zuiredn hülft, koa Schrei, koa Schlogn. Er steht und schaut, ois woit er sogn: Iatzt kaunst di söwa plogn!

Seit Hunderten Jahren hat man so gesprochen. Die heutige Generation versteht das kaum noch – selbst, wenn es „Natives“ sind, wie wir „Gebildeten“ früher gerne „denglischten“. (...) Dieter Groß, Ernstbrunn (Niederösterreich)

Arten und Sprachen sterben aus

Das Klima wandelt sich, die Winter sterben aus, genauso und immer schneller viele Arten. Sprachen geht es genauso. Und weil die Mehrzahl der Erdenbewohner so lebt, als gäbe es keinen Klimawandel und kein Artensterben, wird auch das Dialektaussterben weitergehen. Das Werbefernsehen impft den Kindern Begriffe wie „lecker“ ein, und die fehlerhafte Anwendung von englischen Begriffen kann man tagtäglich wahrnehmen. Aber anders als Wölfe wird man bei fehlerhaftem Sprachgebrauch nicht abgeknallt. Robert Brunner, Wien

Lieber nicht lecker

Guten Morgen, oder besser: guadnmoang! Auf die Frage, ob ich mir um die Dialekte Sorgen mache, lautet die Antwort leider JA. Schon im letzten Jahrtausend ging es los mit den damals vor allem bundesdeutschen Einflüssen, nach meinem Gefühl hat man sich gerade in den Fremdenverkehrsgebieten regelrecht an den Gast angebiedert. Dann kam das Fernsehen mit seinen Kindersendungen dazu, in den letzten Jahrzehnten dann noch das Internet mit seinen „Unsocial Media“.

Mich stören die Anglizismen weniger als das unösterreichische Deutsche. Nach wie vor hasse ich es, mit „tschüss“ oder seinen Verballhornungen verabschiedet zu werden, ich bevorzuge „pfiati“, „servus“ oder „baba“, von mir aus auch „ciao“. Mir schmeckt unser Essen gut, auf „lecker“ kann ich ersatzlos verzichten (...). Auch ist es schade um viele Texte des Austropop, hier nenne ich Künstler wie Georg Danzer und Ludwig Hirsch.

Die Erkenntnis aus der ganzen Entwicklung ist jedoch, dass es bereits passiert ist. Sprache lebt und hat sich immer verändert, isso, war immer so, wird auch … Schöne Grüße aus dem Pinzgau, oder ein bisserl archaisch: pfiatenk! Christoph Aglassinger, Saalfelden (Salzburg)

Der Dialekt ist in Gefahr? Eh!

Auf die Frage, ob der Dialekt in Österreich in Gefahr ist, gibt es eine klare Antwort: eh! Rudi Amannsberger, München

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur Startseite

Sprachkritik
:Krieg den Phrasen! Aber proaktiv!

„Und scho sama wieda draußn!“: Wer in einem Wiener Kaffeehaus einen „Caffè Latte“ bestellt, muss damit rechnen, dass der Ober ihn des Hauses verweist. Richtig so?

SZ PlusGastbeitrag von Michael Maar

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: