Österreich-Kolumne:Paradoxe Normalität

Lesezeit: 2 min

Trotz Corona: Pistenfreude in den Gletscher-Skigebieten

Auch in diesem Jahr möglich: Skifahren trotz Lockdown, allerdings mit 2 G und Maske.

(Foto: Bernhard Krieger/dpa-tmn)

Kickls rhetorische Arschbomben, Impfstoff aus der Luft in Wien und geöffnete Skilifte: Wieso diese dystopische Version eines Landes Österreich im November 2021 hervorragend beschreibt.

Von Dominik Prantl

Eine Kollegin hat neulich gesagt, als Journalist solle man so eine Art Diskurs-Bademeister sein und das Treiben, all diese Debatten, von seinem Bademeisterstuhl aus mit einer gewissen Distanz betrachten. Ja, klingt super, Bademeister, am besten Typ Baywatch, wenn auch nicht unbedingt der alte Hasselhoff. Ich würde sogar behaupten, ein bisschen Diskurs-Bademeister täte nicht nur Journalisten gut, sondern uns allen.

Wobei ganz ehrlich: Wie lange kann, wie lange soll man in diesem Österreich noch ruhig auf seinem Stuhl verharren? Muss man nicht hektisch aufspringen, sobald einer nur über den Fliesenboden flitzt? Sollte man eingreifen, wenn die pubertären Rotzlöffel mal wieder die Grundschüler vom Seitenrand ins Kaltwasserbecken schubsen? Oder abwarten, bis der Oberhallodri per Arschbombe vom Drei-Meter-Brett auf einer der schon angegrauten Brustschwimmerinnen mit Badekappe landet?

Oder anders: Was tun, wenn im gesamten Schwimmbad das Chaos auszubrechen scheint? Ruhig sitzen bleiben, wenn der mittlerweile aus der Quarantäne entlassene Herbert Kickl, Chef der FPÖ, eine verbale Arschbombe nach der anderen hinlegt und gegen Corona ein Entwurmungsmittel für Pferde empfiehlt, das die Leute dann offenbar auch noch in großen Mengen und ohne ärztlichen Rat einnehmen? Wie sind die Worte des ehemaligen Nordischen Kombinierers Felix Gottwald zu verstehen, der sich in einem offenen Brief über die Spaltung der Gesellschaft erregt und offenbar nicht merkt, dass er damit die Spaltung vorantreibt? Was soll man von Impfgegnern halten, die davor warnen, Demonstranten in Wien würden mit flüssigem Pfizer aus Hubschraubern geimpft (SZ Plus), wo doch jeder interessierte Bürger weiß, dass für eine solche Aktion nur Moderna aus Deutschland infrage käme (das mit Moderna war ein Witz, der Rest stimmt leider)?

Da will sich doch selbst der beste Diskurs-Bademeister endlich einmischen!

Skifahren gilt offiziell als Antidepressivum

Allerdings sind in Österreich die (Diskurs-)Schwimmbäder bis voraussichtlich 12. Dezember erst einmal dicht, ebenso die Gaststätten, die Christkindlmärkte, die Möbelhäuser, die Friseure, die Modegeschäfte. Immerhin die Skigebiete - in einigen wenigen hat die Wintersaison bereits begonnen (SZ Plus)- dürfen während des Lockdowns unter Beachtung der 2-G-Regel öffnen, nach den und auch deutsche Skifahrer können ohne größere Auflagen zumindest Tagesausflüge nach Österreich unternehmen. Das mag für manch Außenstehenden paradox klingen, weil sich einerseits das Geschäft für die Liftbetreiber angesichts geschlossener Hotels in Grenzen hält und sich andererseits die Intensivstationen derzeit auch ohne verletzte Wintersportler weiter füllen.

Aber erstens sind wir im Kickl-Gottwald-Impfhubschrauber-Land, wo die Paradoxie Normalität ist. Zweitens gilt Skifahren in Österreich als offizielles Antidepressivum, womit Skigebiete in der Lockdown-Logik ganz klar eher unter Apotheke als unter Freizeiteinrichtung einzuordnen sind. Der Argumentation, Skifahren finde an der freien Luft statt und genehmige den Menschen ein wenig Normalität (was das hierzulande bedeutet, siehe oben), können viele jedenfalls durchaus etwas abgewinnen.

Womöglich bräuchte es ausgerechnet in Österreich sogar gar nicht mehr Bademeister-, sondern mehr Skifahrer-Mentalität - mit genügend Distanz auf der Piste, Maskenpflicht beim Anstehen und viel frischer Luft. Und wenn der frisch fallende Schnee dann einigen das Mütchen kühlt, wäre dem Land sicher auch geholfen.

Diese Kolumne erscheint am 26. November 2021 auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung zu Österreich in der SZ bündelt. Gleich kostenlos anmelden.

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