Pferde preschen durch die Nacht, Hunderte Menschen strömen aus den umliegenden Feldern herbei: Es ist beeindruckend, wie rund 500 Laiendarsteller in historischen Kostümen das „Frankenburger Würfelspiel“ nachstellen. Als 1625 in Frankenburg ein katholischer Geistlicher eingesetzt werden sollte, kam es zum bewaffneten Aufstand der damals evangelischen Bevölkerung. Der adelige Statthalter ließ dann 36 Männer würfeln. Wer beim Spiel verlor, verlor sein Leben. Die packende Inszenierung dieses Historiendramas auf einer der größten Freiluftbühnen Europas ist noch dieses Wochenende zu erleben.
Die Parallelen zur heutigen Zeit und die Relevanz sind offensichtlich: wie wichtig die Achtung der Menschenrechte und Toleranz im Umgang mit „Andersgläubigen“ sind. Darauf verwies auch Oberösterreichs Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner in seiner Rede vor der Premiere. Angesichts seines flammenden Plädoyers gegen Ausgrenzungen drängt sich die Frage auf, wie seine ÖVP ausgerechnet eine Koalition mit der FPÖ in Oberösterreich eingehen konnte.
Diese Diskrepanz ist eine typisch österreichische Haltung: Etwas anderes zu tun, als man sagt, oder lieber gar nichts zu machen, wenn es heikel werden könnte – erst recht, wenn es um die NS-Vergangenheit geht. Der Schauspieler Cornelius Obonya, als Festredner in Frankenburg engagiert, machte darauf aufmerksam, dass in dem Ort nach dem Autor des inzwischen überarbeiteten Stücks, Karl Itzinger, ein Weg benannt ist. Itzinger war ein NS-Propagandist. In Ried, wo die FPÖ alljährlich ihren politischen Aschermittwoch abhält, entschied man sich für eine ebenfalls österreichtypische Lösung: Der Name Itzingerstraße bleibt, aber sie ist nun nach Josef, einem Theologen, benannt.
Mehr als ein Vierteljahrhundert dauerte es, bis sich vor wenigen Wochen in Braunau eine Mehrheit für die Umbenennung der nach den Nationalsozialisten Josef Reiter und Franz Resl benannten Straßen fand. Ausgerechnet in Braunau, das das Stigma von Hitlers Geburtsort trägt und sich seiner historischen Verantwortung besonders bewusst sein sollte. Hitlers Geburtshaus wird gerade zu einer Polizeistation umgebaut, aber das ist eine andere Geschichte. Bei der Abstimmung im Juli stimmten jedoch FPÖ-Vertreter dagegen. Im Herbst steht dann noch die Abstimmung über die Umbenennung der nach dem Nazi Eduard Kriechbaum benannten Stiege in Braunau an – eine weitere Gelegenheit, klar Position zu beziehen.
Es sind nicht nur FPÖ-Politiker, die blockieren. In Salzburg sind noch immer mehr Straßen nach NSDAP-Mitgliedern (45) benannt als nach Frauen (36). Die rot-rot-grüne Stadtregierung geht nur zögerlich vor. Im rot regierten Wien gibt es noch immer den nach dem Antisemiten Karl Lueger benannten Platz samt Denkmal.
Namen für Straßen und Plätze sind eine Würdigung, Nazis und „braune Flecken“ sollten endlich aus der Öffentlichkeit verschwinden. Der Umgang mit dem Thema zeigt: 80 Jahre nach der Befreiung hat man in Österreich längst noch nicht überall und konsequent den Bruch mit der NS-Zeit vollzogen.
Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Gleich kostenlos anmelden.


