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Ökumene:Was Kirche war, ist - und sein kann

Die Kirche ist wahrlich nicht der Himmel. Doch ohne sie gäbe es keine Räume der Barmherzigkeit und des Vertrauens. Das macht sie so bedeutsam.

Manchmal muss die Kirche wieder ausgegraben werden. Manchmal reicht es nicht, mit dem Putzeimer und dem Besen zu hantieren. Manchmal müssen Schuttberge weggekarrt werden, viele hundert Wagenladungen voller Schutt. Bei dieser Schaufelei, bei dieser Drecksarbeit entsteht dann, vielleicht, neue Gemeinschaft, bildet sich eine neue Gemeinde, ersteht, vielleicht, die Kirche neu.

Oekumenischer Kirchentag 2010, Kirche, AP

Ein Kreuz wird während eines Wallfahrtsgottesdienstes unter freiem Himmel gesegnet.

(Foto: Foto: AP)

Eine besonders große Ausgrabungsaktion, die vor bald fünfhundert Jahren stattgefunden hat, nennen wir die "Reformation". Es gibt auch kleinere Reformationen. Es gibt Aufräumarbeiten, die handfest weltlich sind und doch geistige Bedeutung haben. In der gotischen Kirchenruine Santa Maria dello Spasimo auf Sizilien zum Beispiel ist etwas Unerhörtes passiert: Dort hat sich, vor fünfzehn Jahren, Palermo selbst ausgegraben.

Bürger haben die Kirchenruine wieder begehbar und benutzbar gemacht. Aus einem Rattenloch wurde ein Zentrum der Kultur und der Begegnung - und ein Symbolort: Dieser steht für den Widerstand gegen die alten mafiösen Verhältnisse, für den Aufstand der Bürger gegen die Verwahrlosung des öffentlichen Raums und für die Wiedergeburt einer Stadt als Gemeinwesen.

Die renovierte Ruine in Palermo wurde zwar nicht wieder ein Gotteshaus, aber das war es ohnehin nur wenige Jahrzehnte in seiner fünfhundertjährigen Geschichte. Trotzdem ist der wieder ausgegrabene Ort ein religiöser Ort. Man lehnt dort an den gotischen Strebepfeilern und schaut in den Himmel. Der Bau hat nämlich kein Dach, er hat schon seit Jahrhunderten keines mehr und er hat auch bei der Renovierung keines bekommen.

Er ist wie eine radikale Vollendung der Gotik, eine Demonstration dessen, was Kirche sein soll: ein Ort, an dem der Himmel offen ist. Andererseits fühlt man sich, zumal in Ländern, in denen es viel regnet, ohne Dach nicht sehr zu Hause. Die Kirche muss also ein schützendes Dach haben, wenn sie nicht nur Schönwetter-Kirche sein will - und trotzdem soll sie ein Ort sein, der den Himmel offen hält.

Wie geht das? Und was ist Kirche? Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens. Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben, es gäbe keinen Raum, in dem noch von Cherubim und Serafim die Rede ist. Die Poesie der Psalmen hätte keine Heimat mehr. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern - zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Gläubigen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So aber ist Kirche ein Ort, der Zeit und Ewigkeit verbindet.

Ein Ort, an dem man weinen darf

Es ist gut, dass es einen Ort gibt, an dem gesagt wird, wer gestorben ist aus der Gemeinde, und wie alt er war; es ist gut, das zu hören, auch wenn man den Verstorbenen nicht gekannt hat. Es ist gut, dass es einen Ort gibt, an dem das Kreuz sein Zuhause hat. Ja, das Kreuz ist missbraucht worden, als Drohzeichen, als Mord- und Eroberungsinstrument. Trotz alledem: Es ist das gute Zeichen des Christentums. Ein Gott, der gelitten hat, der umgebracht wurde, der also weiß, was Leiden ist, bei dem ist das Leid der Menschen aufgehoben. Ohne Kirche gäbe es keinen öffentlichen Raum, in dem ein Mensch weinen kann, bei irgendeinem Lied, bei einer Fürbitte, die ihn anrührt.

Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Kirchenglocken, keine Christmette, es gäbe keine Kirchenchöre, in denen der Handwerksmeister, die Lehrerin, der Versicherungsmakler und die Krankengymnastin nebeneinander stehen und Bachchoräle singen. Es gäbe den Blick nicht über die Dörfer mit den Kirchturmspitzen, es gäbe nicht die heiligen Haltestellen in den Großstädten der Alten und der Neuen Welt, die Kathedralen und Dome, die mehr sind als ein Erbe.

Es gäbe nicht die Orte der Kraft, die Maria Laach, Ebrach, Maulbronn, Corvey, Melk, Klosterneuburg, Zwettl oder Heiligenkreuz heißen. Die Klöster sind Orte, die heute noch weiter aus der Welt gefallen sind als je in ihrer Geschichte; die Klöster waren Hochburgen des Glaubens, der Weltflucht, der Askese, aber auch Keimzelle von Bildung, Wissenschaft und Kunst. Das alles sind sie nicht mehr, nicht mehr so jedenfalls, wie sie es einmal waren. Aber der Himmel kann dort immer noch offen sein - solange aus den Klöstern nicht Vier-Sterne-Hotels mit Wellnessoase werden.

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