Ökumene Tisch und Bett ja, Abendmahl nein

Heinrich Bedford-Strohm feierte das Abendmahl in der römischen Christuskirche mit dem Becher, den Papst Franziskus der Gemeinde geschenkt hatte.

(Foto: Romano Siciliani)

Katholisch-evangelische Ehepaare dürfen bisher nicht gemeinsam am Abendmahl teilnehmen. Nun, im Reformationsjahr, gibt es Signale aus dem Vatikan, dies bald ändern zu wollen.

Von Matthias Drobinski, Rom

Die Einladungen wurden unter der Hand verteilt, gesungen und gebetet wurde an jenem 31. Oktober 1817 in der Privatwohnung des Legationssekretärs Christian Carl Josias Bunsen. Der erste protestantische Gottesdienst in Rom, der Stadt des Papstes, war ein konspiratives Treffen; Nichtkatholiken wurden damals auf einem eigenen Friedhof nach Einbruch der Dunkelheit bestattet. Immerhin: 1819 kam der erste Pfarrer, 1823 gab es in der preußischen Gesandtschaft einen Gottesdienstraum - über den Fundamenten des antiken Jupitertempels auf dem Kapitol. 1922 schließlich, nach langem Hin und Her, wurde in Rom die evangelische Christuskirche eingeweiht. Ihre Glocken klingen noch heute wie jene der Wittenberger Schlosskirche, die einst Martin Luther hörte. Ein trutziges Zeichen: Die Reformation ist auch im Herzen des Katholizismus präsent.

Die Reformation ist auch in Rom, dem Herzen des Katholizismus, präsent

Statt der Handvoll konspirativer Protestanten gibt es 200 Jahre später eine lebendige lutherische Gemeinde in Rom. Und aus der festen Burg der Reformation ist ein einzigartiges Ökumene-Laboratorium geworden. Pastor Jens Martin Kruse hat beste Kontakte in den Vatikan hinein. Auf den Fotos in seinem Arbeitszimmer sind drei Päpste zu sehen: Johannes Paul II. kam 1983, es war der erste Besuch eines Papstes in einer lutherischen Kirche. 2010 war Benedikt XVI. da, im November 2015 schließlich Franziskus. Er schenkte der Gemeinde einen Abendmahlskelch - als Zeichen der Hoffnung, dass die Kirchen einmal nicht mehr getrennt das Mahl ihres Herrn feiern werden. Und als ihn eine Frau aus der Gemeinde fragte, warum es denn aus katholischer Sicht heraus immer noch evangelisch-katholischen Paaren nicht erlaubt ist, gemeinsam zum Abendmahl zu gehen, da sagte Franziskus: "Sprecht mit dem Herrn und geht weiter" - befragt eurer Gewissen und entscheidet dann.

Wenn die Gemeinde in Rom das Lutherjahr feiert, liegt es nahe, dass einige Prominenz kommt. Die Botschafterinnen Susanne Wasum-Rainer (Italien) und Annette Schavan (Vatikan) luden zum Empfang, aus Deutschland kamen Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Synoden-Präses Irmgard Schwätzer, außerdem Reiner Haseloff (CDU), der (katholische) Ministerpräsident des Reformations-Kernlandes Sachsen-Anhalt. Da liegt es auch nahe, dass einer der anwesenden Prominenten aus dem Vatikan bewusst die Gelegenheit für einen Vorstoß nutzt. Kardinal Walter Kasper, der langjährige Ökumene-Minister des Papstes, sagte, er erwarte, dass es bei der Abendmahlsgemeinschaft "noch in diesem Jahr konkrete Fortschritte gibt".

Konkrete Fortschritte, noch in diesem Jahr? Für Menschen jenseits der inneren Kirchenzirkel mag das wenig aufregend klingen - für die Kirchen wäre das eine kleine Sensation. Aus der Sicht der katholischen Kirche kann es hier keine Gemeinschaft geben, weil für sie nur ein gültig geweihter Priester der Eucharistie vorstehen kann. Und das sind evangelische Pfarrer aus ihrer Sicht nicht. Deshalb sollen Katholiken nicht am evangelischen Abendmahl teilnehmen, evangelischen Christen ist es nur in großen Ausnahmen erlaubt, zur katholischen Eucharistie zu gehen. Das ist die Theorie - in der Praxis halten sich viele Pfarrer und Gemeinden schon lange nicht mehr daran; niemand kontrolliert im Gottesdienst die Taufscheine. Vor allem aber Ehepaare, bei denen ein Partner katholisch und einer evangelisch ist, schmerzt es, dass sie aus Kirchensicht zwar Bett und Tisch teilen, in der Kirche aber getrennt bleiben sollen.

Seit Jahren stocken die Gespräche in dieser Frage - als Papst Benedikt VXI. 2011 nach Deutschland reiste, gab es offenbar schon einen konkreten Vorschlag, dass für konfessionsverbindende Ehen das gemeinsame Abendmahl möglich werden sollte - doch die Verhandlungen scheiterten. Nun, im Reformationsjahr, gibt es offenbar einen neuen Anlauf. Er könnte diesmal erfolgreich sein, auch, weil im Gedenkjahr von Martin Luthers Thesenanschlag das Miteinander der Kirchen in Deutschland so gut ist wie noch nie und in beiden Kirchen der Wunsch wächst, das Jahr möge mit einem konkreten ökumenischen Fortschritt enden.

Frage an Kardinal Kasper: Wie haben Sie das gemeint? "Wir dürfen im Reformationsjahr nicht nur bei freundlichen Gesten bleiben", sagt der, und: "Aber die Entscheidung liegt bei der deutschen Bischofskonferenz." Offenbar hat der Vatikan den Deutschen signalisiert: Wir werden akzeptieren, was ihr entscheidet - so, wie gerade erst bei der Frage, ob Geschiedene, die wieder geheiratet haben, zur Kommunion zugelassen werden sollen. Offenbar stehen die letzten Hürden nicht in Rom, sondern in Deutschland. Eine Minderheit der dortigen 27 Diözesanbischöfe, die Rede ist von sieben, soll skeptisch sein; auf den Münchner Kardinal und Bischofskonferenzvorsitzenden Reinhard Marx wartet also noch Arbeit, soll bis zur Herbst-Vollversammlung eine breite Mehrheit stehen.

Frage an den gerade beim Papst gewesenen EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm: Wird das gelingen? Man solle die katholische Seite nicht unter Druck setzen, sagt er, aber auch: "In diesem Jahr wäre das ein großartiges Zeichen." Beim Festgottesdienst am Sonntag in der Christuskirche sagt er, er hoffe, "dass wir nach so viel wunderbaren Erfahrungen tief empfundener ökumenischer Geschwisterlichkeit irgendwann auch am Tisch des Herrn nicht mehr getrennt sein werden". Und feiert das Abendmahl mit dem Kelch, den Papst Franziskus jener Gemeinde geschenkt hat, deren Gründer sich einst halb heimlich in der Wohnung des Gesandten treffen mussten. Im evangelischen Wittenberg übrigens dauerte es auch bis zum Jahr 1858, bis wieder ein katholischer Pfarrer wirken durfte.