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Ökumene:Eiszeiten des Glaubens

Immer wieder bekräftigen Katholiken und Protestanten ihr gutes Verhältnis zueinander. Doch die öffentlich betonte Eintracht kaschiert nur einen Zwiespalt.

Keine Eiszeit. Redet man mit Würdenträgern der evangelischen und der katholischen Kirche über die Ökumene, geht es bald um die Schwierigkeiten im Zusammenleben der Konfessionen - warum dieses nicht klappt und jenes nicht geht, welche Kirche sich nicht bewegen will, wer was über wen gesagt hat. Alle diese Gespräche aber enden mit der Formel: "Eine Eiszeit in der Ökumene gibt es nicht!" So sagt es Kardinal Walter Kasper, der Ökumene-Minister von Papst Benedikt XVI., so formulierte es im Januar Margot Käßmann, als sie noch Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland war. Es wäre aber ehrlicher, sich einen Ruck zu geben und nun, zum Ökumenischen Kirchentag, tapfer zu sagen: Ja, es gibt sie, die ökumenische Eiszeit.

Ökumenischer Kirchentag, München

Ein überdimensionales Kreuz ragt dieser Tage auf der Münchener Theresienwiese in den Himmel. Ob der Ökumenische Kirchetag die Katholiken und Protestanten einander wieder näher bringen kann, ist fraglich.

(Foto: Foto: dpa)

Eiszeiten sind normal in der Erdgeschichte. Als er noch jung war, soll der Planet sogar mehrmals fast ganz mit Eis bedeckt gewesen sein. Das gab es auch zwischen den Konfessionen; die Folgen dieser Vergletscherung waren bis in die fünfziger Jahre hinein zu spüren: Hirtenbriefe warnten vor Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten; Martin Luther und die Päpste waren den jeweils anderen sichere Kandidaten für die Hölle. Der gegenwärtige Zustand entspricht eher der einer Zwischeneiszeit: Die Gletscher reichen bis ins Flachland, und in manchen Regionen wird es richtig ungemütlich. Mensch und Tier können trotzdem leben. Sie frieren nur häufiger und brauchen ein dickeres Fell. Sie müssen sich darauf einstellen, auch einmal ein paar Tage Hunger zu leiden.

Da also steht die Ökumene zu Beginn des Ökumenischen Kichentags: mitten in einer kleinen Eiszeit. Vorbei sind jene Wärmeperioden, in denen Theologen wie Karl Lehmann oder Walter Kasper über Wege zur Abendmahlsgemeinschaft der Konfessionen nachdachten; heute sind die beiden Kardinäle und erklären, warum diese Gemeinschaft auf absehbare Zeit nicht möglich ist. Der letzte warme Sommer war 1999, als nach langen Verhandlungen Lutheraner und Katholiken ihren 500 Jahre währenden Streit um die Rechtfertigungslehre beilegten. Seitdem aber häufen sich die Schwierigkeiten.

Das Grundsatzproblem aller Gespräche zwischen den beiden Konfessionen ist ja auch derzeit nicht zu beheben: Die evangelische und die katholische Kirche meinen Verschiedenes, wenn sie von Ökumene reden. Sprechen evangelische Theologen von der Einheit der Kirchen, haben sie Modelle der versöhnten Verschiedenheit vor Augen - die Unterschiede bleiben, trennen aber die Kirchen nicht mehr. Die offizielle katholische Lehre geht jedoch davon aus, dass die Kirchen der Reformation in irgendeiner Weise unter das Dach der katholischen Kirche zurückkehren - auch wenn sie einen Teil ihrer eigenen Lehre und Tradition behalten können. Aus katholischer Sicht kann es auch kein gemeinsames Abendmahl geben, solange es keine Kircheneinheit gibt - aus evangelischer Sicht sind dagegen jetzt schon alle Christen zum Tisch des Herrn geladen.

Vielleicht wurde dieser Zielkonflikt in der Euphorie des letzten warmen Ökumene-Sommers zu wenig wahrgenommen. Vielleicht hat der so freundliche wie richtige Satz, dass Protestanten und Katholiken viel mehr eint als trennt, überdeckt, dass das, was sie trennt, derzeit nicht zu überwinden ist. Jedenfalls haben beide Kirchen in den vergangenen Jahren einiges dafür getan, dass dies ins Bewusstsein zurückgekehrt ist. Joseph Ratzinger hat als Präfekt der Glaubenskongregation 2001 in seinem Schreiben Dominus Jesus erklärt, die Kirchen der Reformation seien keine Kirche "im eigentlichen Sinn"; die Bezeichnung "Schwesterkirche" sei zu meiden. Bis heute verletzt mehr noch der Ton als der Inhalt die evangelischen Partner, die dann aber auch zurückschossen und ihrerseits das katholische Kirchenverständnis als unbiblisch bezeichneten.

So läuft es seitdem immer wieder: Es scheitert die Überarbeitung der Einheitsübersetzung der Bibel, weil der Vatikan Zugeständnisse fordert, denen die evangelische Seite nicht nachkommen will. Auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin gibt es zwei Gottesdienste, bei denen erst ein katholischer Priester die evangelischen Christen zur Eucharistie einlädt und dann ein anderer am evangelischen Abendmahl teilnimmt - beide Geistliche werden von ihren Bischöfen suspendiert. Einer der Bischöfe heißt Reinhard Marx und ist heute Gastgeber des zweiten ökumenischen Treffens. Niemand wird in München das Experiment von Berlin wiederholen - es würde das Aus für jeden katholischen Priester bedeuten, der daran teilnimmt.

Beide große Kirchen verlieren Mitglieder, beide müssen sich darauf einstellen, mit weniger Geld auszukommen, einen Teil ihrer institutionellen Macht abzugeben. Beide müssten in dieser Situation enger zusammenarbeiten, auch wenn sie theologisch manches trennt. Stattdessen nehmen die Distanzen zu. Distanzen in der Lebenswelt: in der evangelischen Kirche war es möglich, eine geschiedene Frau zur obersten Vertreterin in Deutschland zu wählen; das Spitzenpersonal der katholischen Kirche lebt nach wie vor in einer zölibatären Männerwelt. Distanzen auch in ethischen Fragen: Die Analyse der Finanzkrise mag die Kirchen noch einen, doch bei der Bioethik entfernt sich die evangelische Kirche Schritt um Schritt vom strikten Nein zur Forschung an embryonalen Stammzellen, an dem die katholische Kirche festhält.

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