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Ökonomie:Wo die Paradoxe wirken

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Ullstein-Buchverlage, Berlin 2020. 208 Seiten, 17,99 Euro. E-Book: 8,99 Euro.

Die Gesellschaftsforscherin Maja Göpel lädt die Leser ein, die "Scheinwelt" der Ökonomie zu hinterfragen, um ein nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. Die Denkleistung muss der Leser erbringen.

Maja Göpel ist nicht Thomas Piketty. Der französische Ökonom und Starautor hat eben ein neues Großwerk ("Kapital und Ideologie", C. H. Beck) auf den Markt geworfen, in dem er etwa eine Vermögensteuer von bis zu 90 Prozent für Milliardäre fordert und dass jeder Erwachsene zum 25. Geburtstag ein staatliches Geschenk von 60 Prozent des Durchschnittsvermögens erhält. Das hat jede Menge mediale Aufmerksamkeit erregt, es stellt sich nur die Frage, wer die 1312 Seiten von Piketty von vorn bis hinten durchlesen wird. Da wäre es womöglich lohnender, zumindest für den Normalleser, zu einer um 90 Prozent kürzeren Abhandlung zu greifen, die die Politökonomin Göpel nun vorgelegt hat. Auf 200 Seiten wird hier wahrlich auch kein geringer Gegenstand verhandelt: "Die Welt neu denken", so der Titel. Der Untertitel "Eine Einladung" verheißt, dass der Leser direkt angesprochen wird - und man zumindest hoffen darf, der Argumentation folgen zu können, ohne Wirtschaftswissenschaften studiert zu haben.

Ein bisschen plagen muss man sich schon, aber gut, die Materie ist kompliziert. Erst geht es in die Geschichte. Die Theorien, nach denen die Wirtschaft funktioniert, stammen nun mal aus der Zeit von Adam Smith. Im 19. Jahrhundert waren die Bedingungen vollkommen anders, aber, so Göpels These, die Theorien haben sich seither nicht geändert, wohl aber die Bedingungen. "Inzwischen gibt es für immer mehr Menschen immer weniger Planet."

Göpel ist bekannt geworden als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin stellte sie im März 2019 zur Unterstützung der Schülerproteste "Fridays for Future" die Kampagne "Scientists for Future" vor. Göpel ist es gewohnt, zu einer breiteren Öffentlichkeit zu sprechen.

Der Leser soll die "Scheinwelt" der Ökonomie hinterfragen, vorgefertigte Rezepte gibt es nicht

Ganz ohne einige Fachbegriffe geht es dann aber doch nicht. Das Jevons-Paradoxon, die Kuznets-Kurve, das Easterlin-Pardox, das Auswahl-Paradoxon und der Trickle-down-Effekt müssen verdaut werden, um die Grundlagen zu legen für das Verständnis der heutigen Form von Kapitalismus. Der hat den homo oeconomicus hervorgebracht, ein egoistisches Wesen, das nach immer mehr Gewinn strebt, ohne auf Ressourcen zu achten, immer mehr produziert und Vermögen anhäuft, "wobei am Ende auf wundersame Weise beständig mehr Wohlstand für alle herauskommt". Das dieses Modell jetzt nicht mehr funktioniert, weiß jeder. Doch niemand reagiert. Warum? Irgendwann wurden die zentralen Ideen der englischen Vordenker aus dem Kontext gelöst und zu "vermeintlich universellen Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie hochstilisiert", so Göpels These.

Die Gesetzmäßigkeiten dieser "Scheinwelt" zu durchschauen und zu hinterfragen, darin besteht die Einladung Göpels. Wie eine geduldige Lehrerin versucht sie, die Leser von Kapitel zu Kapitel zu lotsen: mit Wiederholungen ("Sie erinnern sich ...") und Zwischenfragen ("Wie klingt das für Sie?") sowie eingängigen Beispielen, anhand derer die Probleme der neoliberalen Welt schnell offensichtlich werden. Etwa das vom Vielflieger Bill Gates, der in einem Jahr das Lebensbudget an Kohlendioxid von 38 Menschen verbraucht. Ein großes Plus ist in dem Zusammenhang der Verzicht auf die in solchen Büchern eigentlich unvermeidliche Zahlenflut.

Letztlich geht es um nichts weniger als ein neues Modell des nachhaltigen Wirtschaftens. Göpel will dafür ein paar heilige Kühe der Wachstumserzählung schlachten und neue, gerechte Wege gehen; Wachstum als Mittel, nicht als absoluter Zweck; höhere Produktpreise, die die wahren Kosten anzeigen, die bei Herstellung, Transport und Entsorgung anfallen; klügerer Umgang mit den natürlichen und endlichen Ressourcen und nicht zuletzt schärfere Besteuerung hoher Einkommen. Da ist man wieder bei Piketty. Bei Göpel wird es weniger konkret, ihr geht es zuerst um die Einsicht, dass sich sehr bald etwas ändern muss.

© SZ vom 23.03.2020

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