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Öffentlich-Rechtliche:Erst kommt die Quote, dann noch mal die Quote

Tatort, Fernsehspiel, Romantikfilm: Das Problem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland ist nicht, dass zu wenig Programm produziert würde. Das Problem ist, dass zu wenig gutes Programm produziert wird.

Die vergangene Fernsehwoche hat für alle Fans der öffentlich-rechtlichen Mördersuche viel und vor allem viel Altbekanntes bereitgehalten. Von Montag bis Sonntag zeigten die ARD, ihre Digitalkanäle und die dritten Programme insgesamt elfmal einen "Tatort". Nur einer war neu. Zehn kamen aus der Konserve.

Das ist eine beeindruckende Wiederholungsquote, und sie passt zu einem Aufregerthema mit ebenfalls hohem Wiederholungsfaktor: Über die Zahl der alten Sendungen bei ARD und ZDF wird regelmäßig dann diskutiert, wenn die Gebührenkommission Kef wie in diesen Tagen mit den Sendern über deren Finanzbedarf verhandelt. Dem aktuellen Bericht der Kommission zufolge liefen 2014 bei ARD und ZDF 1237 "Erstsendestunden" weniger als im Vergleich zu 2005. "Lange Gesichter vor dem TV" titelte Bild. Das klingt griffig. Doch die Debatte ist großer Unfug.

Das Problem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland ist sicher nicht, dass zu wenig Programm produziert würde. Das Problem ist, dass zu wenig gutes Programm produziert wird. Die einzige Gruppe, für die mehr Wiederholungen im Fernsehen tatsächlich ein Problem ist, sind die Filmemacher. Wenn mehr Altes läuft, haben sie weniger Aufträge und weniger Einnahmen. Dem Publikum aber ist mit schierer Menge nicht gedient.

...die Qualität bleibt viel zu oft auf der Strecke

In manchen Wochen zeigen ARD und ZDF ein halbes Dutzend neue Fernsehfilme, am Sonntag den Krimi und Rosamunde Pilcher, montags und mittwochs das pädagogisch wertvolle Fernsehspiel, donnerstags Kommissare an touristisch attraktiven Orten, am Freitag die Liebeskomödie und am Samstag den nächsten Krimi. Wer sich ernsthaft darüber beklagt, zu wenige neue Produktionen gezeigt zu bekommen, sollte sich lieber fragen, wie viele Fernsehfilme der vergangenen Wochen bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Es dürften nicht allzu viele sein.

Die Qualität eines Fernsehprogramms in Zahlen zu bemessen, ist Populismus; Zahlen lassen sich plakativer vergleichen als künstlerische Kriterien. Das zeigt ja auch das zweite große Missverständnis in der Debatte über das deutsche Fernsehen: ARD und ZDF messen ihren Erfolg bis heute fast ausschließlich in Einschaltquoten. Dabei gibt es viele großartige Filme und Serien, die aber nur sehr wenige Menschen interessieren. Und es gibt mindestens so viel schlechtes Fernsehen, das trotzdem ein großes Publikum findet.

ARD und ZDF haben sich auf der Jagd nach Quote vom Qualitätsanspruch verabschiedet, den jeder Gebührenzahler (also jeder) zu Recht an sie haben darf. Natürlich gibt es Zuschauer, die zwar Qualität lautstark einfordern und am Ende doch Schrott einschalten. Aber wenn die Sender langfristig mit der neuen Konkurrenz von Netflix und Co. mithalten wollen, werden sie auch jenen Zuschauern etwas bieten müssen, die sich derzeit bei den Streaminganbietern besser aufgehoben fühlen. Vielleicht bedeutet das sogar, jährlich noch vier Schmonzetten mehr zu wiederholen und das Geld stattdessen in ambitionierte Projekte zu stecken. Ein Verlust wäre das nicht. Bei Netflix übrigens gehört das Archiv alter Serien und Filme ebenso zum Erfolgsrezept wie neue Produktionen.

In der Debatte über Wiederholungen verweisen die Sender auf ihre finanziell angespannte Situation, in der sie trotz Zwangsgebühren stecken, weil sie die Kosten für ihre Pensionäre nicht in den Griff kriegen. Es ist ein struktureller Fehler, dass am Programm am leichtesten gespart werden kann. Das Jammern wird nicht leiser werden, wenn jetzt die monatlichen Rundfunkgebühren wohl um 29 Cent sinken. Doch die Abstriche taugen nicht als Alibi. Die Qualität entscheidet sich nicht an 29 Cent. Entscheidend ist, wofür die restlichen 17,21 Euro ausgegeben werden.