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Odenwaldschule:Vertuschungsvorwürfe gegen Behörden

"Strafvereitelung im Amt": Nach dem Missbrauchs-Geständnis des ehemaligen Schulleiters der Odenwaldschule reißt die Kritik an den Behörden nicht ab.

Im Skandal um die Odenwaldschule erheben Missbrauchsopfer und ihre rechtlichen Vertreter schwere Vorwürfe gegen das hessische Kultusministerium und die Staatsanwaltschaft Darmstadt. Zuvor hatte der ehemalige Schulleiter in einem Brief Übergriffe auf Schüler eingeräumt und diese bedauert.

Beide Behörden hätten sich 1999, als die Übergriffe Beckers bekannt wurden, durch Untätigkeit ausgezeichnet, sagte der Frankfurter Anwalt Thorsten Kahl der Frankfurter Rundschau. "Was da gelaufen ist, könnte man als Strafvereitelung im Amt bezeichnen." Dem Magazin Focus sagte Kahl, die Schule habe eine "moralische Pflicht zur Kompensation".

Am Freitag hatte der frühere Schulleiter Gerold Becker in einem Brief sexuelle Verfehlungen zugegeben und die Schüler um Entschuldigung gebeten.

Unterdessen haben sich die 21 reformpädagogischen Internate in Deutschland nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verpflichtet, jeden sexuellen Übergriff anzuzeigen und die Täter sofort zu entlassen. Darauf habe sich die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime (LEH) geeinigt, zu der auch die Odenwaldschule in Heppenheim gehört.

Durch die Missbrauchsfälle dürften jedoch nicht der Wert reformpädagogischer Praxis und die Institution Internat insgesamt infrage gestellt werden.

Ein Absolvent der Odenwaldschule sagte, Aussagen der hessischen Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) seien "mit gesundem Menschenverstand nicht mehr nachvollziehbar". Henzler hatte am Donnerstag erklärt, sie sehe kein Versagen der Schulaufsicht beim Umgang mit Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule. Damals sei die Schulaufsicht davon ausgegangen, es gebe nur einen verdächtigen Lehrer und zwei betroffene Schüler. Es habe keinerlei Hinweise auf weitere Fälle gegeben.

Nach Angaben der Frankfurter Rundschau hatten dagegen schon im Juni 1998 zwei Missbrauchsopfer in einem Brief an den damaligen Schulrektor Wolfgang Harder davon gesprochen, dass es noch mehr Betroffene gebe. Dieser habe die Informationen an das zuständige Staatliche Schulamt weitergeleitet. Die Schüler, die damals die Vorwürfe ins Rollen gebracht hätten, seien von den Behörden aber nie befragt worden.

Nach zehn Jahren sei das nicht mehr so einfach zu klären, da alle Akten vernichtet worden seien, sagte dazu Klaus Reinhardt von der Darmstädter Staatsanwaltschaft. "Die (Schüler) hätten in dieser Situation vernommen werden müssen."

Die deutschen Landerziehungsheime wollen nun einen Historiker beauftragen, der die Geschichte der Internate auch mit Blick auf mögliche Verfehlungen prüfen soll. Der Leiter der LEH-Internatsberatung, Hartmut Ferenschild, kritisierte das Verhalten von Deutschlands bekanntestem Reformpädagogen Hartmut von Hentig, 84, der die Vorfälle gegen seinen 73-Jährigen Lebenspartner Gerold Becker relativierte. "Wir müssen uns von unserem Säulenheiligen distanzieren", sagte Ferenschild dem Focus.

Ein ehemaliger Schüler der Odenwaldschule sagte, dass er von Becker "hunderte Male missbraucht" worden sei und noch heute darunter leide. Sein Anwalt Kahl kündigte an, er werde "eine Phalanx gegen die Odenwaldschule" errichten und wolle eine finanzielle Entschädigung für die Opfer erwirken.

© sueddeutsche.de/dpa/afis/bre

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