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Occupygezi-Proteste:Die Lira hat deutlich an Wert verloren

Die liberale Zeitung Taraf kommentierte den Auftritt des Premiers am Airport mit der Schlagzeile "Erdogan verbrennt die Türkei". Die linke Sol titelte: "Der taube Sultan". Das regierungsnahe Blatt Star zitierte Erdogan mit den Worten: "Wir sind bereit, unser Leben für die Demokratie zu geben." Vor der mit Spannung erwarteten Rückkehr des Regierungschefs hieß es, einige AKP-Politiker hätten eine große Show für Erdogan am Flughafen lieber vermieden, aus Furcht, harte Worte des Premiers könnten der türkischen Wirtschaft weiteren Schaden zufügen. Die Lira hat seit Montag deutlich an Wert verloren und sich seither nicht erholt. Nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch ist die Kreditwürdigkeit der Türkei durch die Protestwelle bislang aber nicht gefährdet. Eine Eskalation könne die Bonitätsnote allerdings infrage stellen, erklärte Fitch am Freitag.

Am Freitagnachmittag ging die Polizei in einem Park in Ankara gegen zeltende Demonstranten vor. Diese hätten sich nicht gewehrt und das Feld geräumt, wurde in sozialen Medien berichtet. Etwa zwei Dutzend Türken, die wegen Twitter-Botschaften in den vergangenen Tagen festgenommen wurden, sind wieder frei. Turkcell, der größte Mobilfunkanbieter der Türkei, und der Internetanbieter TTNet erklärten, die Regierung habe nie verlangt, den Zugang zu den Netzwerken zu behindern. Entsprechende Gerüchte hatte es gegeben.

Ex-Kulturminister Ertugrul Günay, der bis Januar dem Erdogan-Kabinett angehörte, kritisierte in der Zeitung Radikal das Gezi-Projekt. Günay sagte, er habe die AKP gewarnt, Korruption und Vetternwirtschaft im Bausektor "werden uns fertig machen". Der deutsche Grünen-Chef Cem Özdemir sagte nach einem Besuch im Gezi-Park: "Wenn Erdogan diesen Konflikt mit Gewalt löst, dann wird in der Türkei nichts mehr so sein, wie es war. Da kommt Erdogan nicht als Gewinner raus."

© SZ vom 08.06.2013/ratz
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