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Occupygezi-Proteste:Anhänger feiern Erdoğans Rückkehr in die Türkei

Jubel am Flughafen, Proteste in der Innenstadt: Während Ministerpräsident Erdoğan bei seiner Rückkehr nach Istanbul vor Tausenden Anhängern ein Ende der Demonstrationen fordert, werden diese nicht weit entfernt unverändert fortgesetzt. "Wir kämpfen weiter", heißt es am Taksim-Platz.

Tausende Anhänger haben Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan bei seiner Rückkehr von einer Nordafrika-Reise am Istanbuler Flughafen gefeiert. Vor etwa 10.000 Unterstützern seiner islamisch-konservativen AK-Partei forderte Erdoğan in der Nacht zum Freitag ein Ende der Proteste. Die Demonstrationen müssten sofort aufhören, sagte Erdoğan. Sie hätten ihre demokratische Berechtigung verloren und seien zu Vandalismus geworden.

Erdoğan wies Vorwürfe zurück, die Bevölkerung zu spalten. Er sei der demokratisch legitimierte Ministerpräsident aller Türken. Der Polizei dankte er für ihre "gute Arbeit, um unsere Sicherheit zu gewährleisten". Die Sicherheitskräfte seien ein "Bollwerk gegen Terroristen, Anarchisten und Vandalen". Er könne nicht seine Augen verschließen vor den "Ausschreitungen derjenigen, die in unseren Städten randalieren, öffentliches Eigentum beschädigen und den Leuten wehtun".

Die Ansprache hatte Erdoğan an der Seite seiner Ehefrau und Kabinettsmitgliedern vom Dach eines Busses gehalten. Die Anhänger der Regierungspartei AKP schwenkten am Atatürk-Flughafen türkische Flaggen und skandierten Parolen wie "Wir würden für dich sterben, Erdoğan!" oder "Lasst uns sie alle zerquetschen!".

Erdoğan ruft Anhänger zur Besonnenheit auf

Ministerpräsident Erdoğan am Flughafen in Istanbul

Ministerpräsident Erdoğan wird von Tausenden Anhängern am Flughafen in Istanbul begrüßt.

(Foto: dpa)

Der Regierungschef lobte seine Anhänger in einer kurzen Ansprache für ihre Zurückhaltung in den vergangenen sieben Tagen des Protestes: "Ihr seid ruhig geblieben, reif, und habt Vernunft gezeigt." Erdoğan forderte sie schließlich auf, friedlich nach Hause zu gehen. Die Ansprache hatte Erdoğan an der Seite seiner Ehefrau und Kabinettsmitgliedern vom Dach eines Busses gehalten.

Erdoğan hatte bereits zuvor klargemacht, dass er trotz der seit einer Woche andauernden Protestwelle an einem heftig umstrittenen Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park festhalten will. Zugleich beschuldigte er am Donnerstag bei einem Besuch in Tunis erneut Linksextremisten, hinter den Protesten zu stecken. "Unter den Demonstranten gibt es Extremisten, einige sind mit dem Terrorismus verbunden", sagte Erdoğan nach Medienberichten aus Tunis.

Während Erdoğan am Flughafen ein Ende der Aktionen forderte und die Demonstranten beschimpfte, setzten diese in der Innenstadt von Istanbul und in zahlreichen Provinzen des Landes die Proteste fort. Die Demonstranten machten keine Anstalten, ihr Protestlager am Rande des Taksim-Platzes zu räumen. "Wir bleiben hier. Wir kämpfen weiter. Mit seinen Drohungen kann er uns nicht einschüchtern", sagte eine junge Frau. Zehntausende waren in der Nacht rund um den Taksim-Platz auf den Straßen und forderten Erdoğans Rücktritt. In mindestens einem Stadtteil gab es erneut Zusammenstöße zwischen Aktivisten und Sicherheitskräften.

Festgenommene Ausländer als Provokateure beschuldigt

Bei den Protesten nahm die Polizei nach Angaben von Innenminister Muammer Güler in Istanbul und Ankara am Donnerstag sieben Ausländer fest. Darunter sei ein Deutscher, zitierte die Nachrichtenagentur Anadolu den Minister in Ankara. Zudem seien zwei Franzosen, zwei Iraner, ein Grieche und ein US-Bürger in Gewahrsam. Den Ausländern werde vorgeworfen, sie hätten sich als Provokateure an den Demonstrationen beteiligt, hatten türkische Medien gemeldet. Berichte, wonach einige Festgenommene Diplomatenpässe haben, sind Güler zufolge falsch.

Der Minister sagte, bisher seien 915 Menschen verletzt worden. Vier Menschen seien in einem kritischen Zustand, acht weitere würden auf Intensivstationen behandelt. Den bisher entstandenen Sachschaden bezifferte Güler auf mehr als 70 Millionen Türkische Lira (etwa 28 Millionen Euro). Die Zahl der Toten bei den Protesten erhöhte sich nach Berichten mehrerer Zeitungen auf vier, nachdem ein Polizist in Adana bei einem Einsatz gegen Demonstranten von einer Brücke in den Tod gestürzt war.

Die Protestwelle hatte sich an der brutalen Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park entzündet. Inzwischen richten sich die Demonstrationen vor allem gegen den als immer autoritärer empfundenen Kurs Erdoğans und seiner islamisch-konservativen AKP.

© dpa/AFP/sebi/jasch
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