Occupy Wall Street - Ursprung und Zukunft einer Bewegung Braucht die Bewegung ein Programm?

Über kaum eine andere Frage rund um OWS wird in den amerikanischen und internationalen Medien mehr diskutiert: Ist es eine Stärke oder eine Schwäche, dass sich die Bewegung als Zusammenschluss von Individuen versteht und weder ein Programm noch eine Führungsfigur besitzt? Ein Grund, weshalb sich in aller Welt lokale Occupy-Bewegungen (auch in Deutschland) gebildet haben, die für den 15. Oktober zu Protestaktionen aufrufen, liegt sicher darin, dass OWS jenseits der Kapitalismuskritik viele Anknüpfungspunkte bietet. So die vom kanadischen Magazin Adbusters initiierte und vom losen Hacker-Kollektiv Anonymous unterstützte Aktion, die vom Arabischen Frühling inspiriert wurde - und vielen Menschen eine nahezu ideale Projektionsfläche bietet.

Protestschilder liegen im New Yorker Zuccotti-Park auf dem Boden. Das Programm von OWS ist bislang nicht detailliert ausgearbeitet worden.

(Foto: AFP)

In der New York Times nennt der Pulitzer-Preisträger Nicolas Kristof einen Katalog von Forderungen, für die sich OWS einsetzen könnte: Eine Finanztransaktionssteuer nach den Berechnungen des Ökonomen James Tobin, strengere Regeln für Banken sowie die Eliminierung von Steuerschlupflöchern.

Der politische Analyst des Intellektuellenmagazins New Yorker, Hendrik Hertzberg, hat beobachtet, dass viele Camper im New Yorker Zuccotti-Park gerade das Fehlen einer Agenda als attraktiv empfinden. Ihnen geht es um den Prozess und die Diskussionen mit Gleichgesinnten, das Programm soll gemeinsam entwickelt werden. Hertzbergs Fazit: Momentan profitiert die Occupy-Wall-Street-Bewegung davon, dass sie kein klares Profil und keine Führungsfigur besitzt.

Auch der US-Dokumentarfilmer Michael Moore, der vor zwei Jahren die Finanzkrise in Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte thematisierte, sieht in der momentanen Struktur einen Vorteil. "Ich bin vor Aufregung vollkommen aus dem Häuschen, dass es eine Form von Basisbewegung ist und dass es scheinbar aus dem Nichts entstanden ist, ohne Organisation, ohne Mitgliedschaft, ohne politische Führung", sagte er in einem Interview.

Eine Umfrage der Wochenzeitung Die Zeit unter US-Intellektuellen offenbart die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten rund um das Phänomen OWS. In einem Punkt stimmen die sechs zitierten Denker aber überein: Keiner möchte sich auf eine Prognose festlegen, in welche Richtung sich die Bewegung entwickeln wird. Der Schriftsteller Eliot Weinberger formuliert es so: "Es bleibt abzuwarten, ob diese neue Bewegung es schaffen wird, ihrem Zorn und ihren Vorstellungen eine Heimat zu geben. Im Augenblick ist es noch Vorherbst und nicht Vorfrühling."