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Occupy-Bewegung:Wirrköpfe und Verschwörungstheoretiker

Eher im Hintergrund sind bisher die Initiatoren der Besetzung geblieben: das kanadische Anti-Konsum-Magazin Adbusters zum Beispiel und der Anthropologe und Anarchist David Graeber. Für Graeber ist der Kredit selbst das Problem, er träumt von einer Gesellschaft ohne Schulden und - notwendigerweise - auch ohne Geldvermögen. Graeber war entscheidend bei der Vorbereitung der Besetzung, aber kaum jemand kennt seine Ideen, geschweige denn kann er sich mit ihnen identifizieren. Stattdessen mussten die Besetzer damit leben, dass sich unter ihnen alle möglichen Wirrköpfe und Verschwörungstheoretiker tummeln. Die Nationalsozialistische Partei der USA erklärte sich mit ihnen solidarisch.

Zu den vielleicht gar nicht so harmlosen Wirrköpfen gehört auch die sogenannte Zeitgeist-Bewegung. Deren Anhänger wollen eine "kybernetisierte" und "ressourcenbasierte" Wirtschaft, in der es kein Geld mehr gibt. Die Bewegung gilt als verschwörungstheoretisch und latent antisemitisch. Wie groß sie ist, weiß niemand, am Zuccotti Park fand sie ein Forum. Und natürlich treffen sich unter dem Occupy-Dach viele linke Splittergruppen; am präsentesten ist dabei die trotzkistische Partei Workers World.

Jenseits der amerikanischen Grenzen ist die Formel "Occupy" begierig aufgenommen worden. Sie passte, besonders im von der Schuldenkrise geschüttelten Europa, zu einer ohnehin vorhandenen Grundstimmung in der Bevölkerung, selbst wenn die Voraussetzungen ganz andere waren. In Spanien und Griechenland sind es Proteste gegen Sparmaßnahmen der Regierung in der Folge der Schuldenkrise, die nun unter "Occupy" liefen.

In Deutschland, wo die sozialen Unterschiede längst nicht so groß sind, bedient Occupy Wall Street einen gefühligen Antikapitalismus, der heute bis in die CDU hineinreicht. Die Gruppe Attac demonstriert unter der Marke "Occupy Germany", die Linkspartei fordert "Occupy Deutsche Bank". Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt "großes Verständnis" für die Proteste.

Dabei hat das Ganze besonders aus europäischer Sicht auch etwas sehr Unzeitgemäßes. Die Finanzkrise und die große Rezession 2007 bis 2009 waren tatsächlich überwiegend den Exzessen an der Wall Street und dem Versagen vieler Banken geschuldet; doch damals gab es noch keine Occupy-Protestierer. Einzelne Demonstranten, die an der Wall Street gegen die Rettung der Banken mit Steuermitteln wetterten, wurden kaum wahrgenommen. Die europäische Schuldenkrise dagegen, die gegenwärtig die Stabilität der Welt bedroht, ist eindeutig eine Folge von Politikversagen.

Wer also in diesen Tagen vor der Europäischen Zentralbank gegen "das Finanzsystem" protestiert, hilft auch Politikern, von ihrer Verantwortung abzulenken und sich um eine schonungslose Analyse früherer Fehler zu drücken. Insofern ist die Formel "Occupy" auch ein Stück Selbstgerechtigkeit.