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Obamas Klimapolitik:Die konservativen Politiker

In Whitesburg, auf der anderen Seite der Berge in Letcher County, leitet Dee Davis das "Center for Rural Strategies". "Ost-Kentucky wird kein Touristen-Mekka werden", sagt der 64-Jährige. Die Konkurrenz sei viel zu groß. Die Menschen müssten eines akzeptieren: "Die Kohle ist Teil unserer Geschichte, sie gehört zu unserem Erbe. Sie hat viele aus der Armut in die Mittelschicht befördert. Sie war unser Freund - aber sie ist ganz sicher nicht unsere Zukunft."

Davis möchte alle Vorschläge genau prüfen, die den Osten Kentuckys voranbringen können: In den verlassenen Bergwerken ließen sich Serverfarmen unterbringen, die Gegend könnte auf erneuerbare Energien oder Hightech setzen. Alles müsse getan werden, um die Abwanderung zu stoppen. Mit besserer Infrastruktur, schnellem Internet und guter Gesundheitsversorgung könnten neue Leute nach Ost-Kentucky gelockt werden. "Wir dürfen uns nicht auf Kohle reduzieren lassen", fordert er kämpferisch.

Ost-Kentucky auf die Kohle zu reduzieren - damit haben vor allem die Republikaner im fernen Washington kein Problem. Mitch McConnell, der mächtigste aller konservativen Senatoren, stammt aus Kentucky und er spricht ständig vom "War on Coal" der Demokraten. In diesem "Krieg gegen die Kohle" kämpfe er stets an vorderster Front - für die Interessen der Bergleute.

Als Obama im Sommer seinen Plan vorstellte, die CO₂-Emissionen der Kohlekraftwerke bis 2030 deutlich zu senken, fordert McConnell die 50 Gouverneure auf, die Anweisungen der verhassten EPA-Behörde schlicht zu ignorieren. Zum Beginn der Pariser Klimakonferenz spricht McConnell per Zeitungsbeitrag dem US-Präsidenten das Recht ab, ein internationales Abkommen zu unterzeichnen. Sollte Obama das doch tun, dann werde er, McConnell, ein "Ja" im Kongress verhindern - um Amerikas Arbeiter zu schützen.

In Kentucky malen Lobbyisten unter #Coalkeepsthelighton ein Schreckensszenario an die Wand, wonach Amerika im Dunkeln versinke, wenn die Umweltschutz-Auflagen umgesetzt würden. Auf den vorderen inoffiziellen Nummernschildern vieler Autos steht der Slogan "Friends of Coal" - so heißt eine Lobbygruppe.

Besonders groß ist die Wut auf die Demokraten unter jenen, die einst gutes Geld in den Minen verdienten - und jetzt auf der Straße stehen. Es sind Leute wie der ehemalige Bergarbeiter James Walker, der sagt: "Natürlich ist Obama schuld. Bevor er auftauchte, ging es der Kohleindustrie noch gut. Obama hat die Kohleindustrie gekillt." Walker scheut sich nicht, vor laufenden Kameras Verwünschungen auszustoßen: "Ich hätte nichts dagegen, wenn er nicht mehr auf dieser Erde wandeln würde. Das würde mich überhaupt nicht stören." Und auch diejenigen, die noch einen Job in den Bergwerken haben, sagen zu Fox News: "Mister President, lassen Sie uns einfach in Ruhe und unsere Familien ernähren."

Wieso das Bild des Bergarbeiters so starke Emotionen auslöst

Der Einfluss der Kohleindustrie sei in Staaten wie Kentucky oder West Virginia viel größer als es ihre Wirtschaftsleistung rechtfertige, sagt Dee Davis. Die Demokraten hätten nicht erkannt, dass das Bild des Bergarbeiters große Emotionen auslöse. "Er ist ein mutiger Mann, der unter die Erde geht, um seine Familie zu ernähren. Viele betrachten die Kumpel als Helden", sagt Davis. Denkmäler zu Ehren der Minen-Arbeiter stehen überall in Harlan County und den angrenzenden Bezirken - und viele Amerikaner, deren Großväter, Väter oder Onkel in Minen arbeiteten, sympathisieren mit den Bergleuten, auch wenn sie längst in Städten wohnen.

Hinzu kommt, dass viele Menschen im östlichen Kentucky und anderen Appalachen-Regionen den Eindruck haben, vom Rest des Landes und vor allem von den Eliten der Ost- und Westküste vernachlässigt und ausgelacht zu werden. "Dieses Gefühl der Wut ist sehr kraftvoll und hat leider eine lange Tradition in der US-Politik", sagt Dee Davis. Es sei leichter, einen Gegner (Barack Obama) zu dämonisieren, als eigene Lösungsvorschläge zu präsentieren.

Es ist nicht ohne Ironie, dass heute die Republikaner im Harlan County ähnlich dominieren wie im Rest Kentuckys, obwohl mehr Bürger offiziell den Demokraten angehören. Der Landkreis war Schauplatz erbitterter Arbeitskämpfe: In den dreißiger Jahren ging die Nationalgarde so brutal gegen die streikenden Kumpel vor, dass vier Menschen starben. Seither ist der Begriff "Bloody Harlan" überall bekannt. Auch in den Siebzigern wurden Streiks brutal niedergeschlagen - die Vorgänge inspirierten den oscargekrönten Dokumentarfilm "Harlan County, USA" und den Country-Song "You'll Never Leave Harlan Alive". Heute gibt es in ganz Kentucky keinen einzigen Kumpel mehr, der einer Gewerkschaft angehört.

Dass die Arbeitsplätze in den Minen seit langem weniger werden und auch George W. Bush die Kohle-Jobs nicht retten konnte, werde verdrängt, sagt Davis. "Als Clinton 2001 das Weiße Haus verließ, gab es hier 33 000 Bergarbeiter. Ende 2008 war die Zahl auf 15 000 gesunken - und nun sind wir bei 7000 angelangt", doziert er. Allerdings wächst unter den lokalen Politikern die Einsicht, dass sich etwas ändern muss. "Die besten Geschäfte hat in den vergangenen Jahren der Vermieter von Umzugswagen gemacht, weil so viele Leute Harlan County verlassen haben", sagt Dan Mosley. Er ist seit November 2014 so etwas wie ein Landrat und fordert seine Mitbürger auf, "die Tränen wegzuwischen".

Mosley ist Demokrat und er will auch mit den Republikanern kooperieren, um das Leben in Harlan County zu verbessern. Staatliche Investitionsprogramme mit schönen Namen ("promise zone" oder "SOAR - Shaping Our Appalachian Region") gibt es zwar, doch viel ändern konnten sie nicht. Selbst Hal Rogers, der altgediente konservative Abgeordnete, gibt nun öffentlich zu, dass die Kohle nicht mehr allen in der Bergregion Jobs bringen könne. Als Walmart in Harlan einen Supermarkt eröffnete, gingen mehr als 1000 Bewerbungen ein. In Whitesburg erinnert ein riesiges Plakat die Jugendlichen daran, wie sie ihre Zukunftschancen verbessern können: "Be a winner - go to school!".

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