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Obama und Kenia:Fluch der zweiten Heimat

Obama besucht Kenia

Barack Obama mit seinem kenianischen Vater bei dessen Besuch auf Hawaii im Jahr 1972.

(Foto: dpa)
  • Warum besucht der US-Präsident Barack Obama die Heimat seines Vaters erst am Ende seiner zweiten Amtszeit?
  • Nach dem Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2008 wurde er von vielen Kenianern als Sohn Afrikas gefeiert - sie hofften auf einen baldigen Besuch.
  • Doch sie wurden enttäuscht. Es dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass rechte Verschwörungstheoretiker in der ersten Amtszeit Zweifel an Obamas Herkunft zu nähren versucht hatten. Darauf muss er nun keine Rücksicht mehr nehmen.

Von Reymer Klüver

Barack Obama hat sich Zeit gelassen. Bis fast zum Ende seiner zweiten Amtszeit hat er gewartet, Kenia einen Besuch abzustatten. Es ist zweifellos ein politisch aufgeladener Besuch (siehe diesen Bericht), aber zugleich eine sehr persönliche Visite. Kenia ist die Heimat seines bereits 1982 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Vaters. Als junger Mensch hatte Obama das Land und gleich den Kontinent dazu zum Sehnsuchtsort verklärt. "Es war mehr eine Wunschvorstellung als ein tatsächlicher Ort", schrieb er vor zwei Jahrzehnten über Kenia und Afrika, "ein neues Land der Verheißung, voller alter Traditionen und dramatischer Landschaften, voller Kämpfe um edle Ziele und voller Trommeln, die miteinander zu sprechen schienen."

Als junger Mann war Obama zweimal im Land seines Vaters gewesen, hatte auf dem Wohnzimmer-Sofa einer Halbschwester in Nairobi geschlafen, hatte die ausgedehnte Verwandtschaft besucht und das Heimatdorf und das Grab des Mannes, der ihm zeit seines Lebens ein Fremder geblieben war. Seine Mutter, eine weiße Studentin aus Kansas, und sein Vater, der schwarze Ökonom aus Kenia, hatten sich bald nach seiner Geburt 1961 getrennt. Nur einmal hatte er den Vater bei dessen letzter USA-Reise getroffen. Damals war der kleine Barack zehn Jahre alt.

Seine Tante begrüßte ihn in Afrika mit den Worten "Willkommen daheim"

Zwei Bücher hat Obama über seine Suche nach dem fehlenden Vater und einer eigenen Identität geschrieben und darüber, was das für ihn und seine politische Arbeit bedeutet hat. Zwei Bücher, die seinen Aufstieg begleiteten und seinen Ruf als nachdenklichen, fast intellektuellen Politiker begründeten. Er teilte das Schicksal so vieler junger Schwarzer in Amerika, die bei ihrer alleinerziehenden Mutter oder den Großeltern aufwachsen, weil ihr Vater im Gefängnis sitzt, Opfer von Gewalt wurde oder sich nicht um die Familie kümmert. "Ich bin ein Schwarzer, der ohne einen Vater aufwuchs, ich weiß, wie viel mich das gekostet hat", sagte Obama. "Es ist etwas, das ein Loch im Leben eines Kindes hinterlässt. Ich musste früh lernen zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht."

Bei seinem ersten Besuch mit 26 Jahren hatte ihn eine Tante auf dem Flughafen von Nairobi mit den Worten begrüßt: "Willkommen daheim." Und sie waren mit einem verbeulten VW-Käfer in die Stadt hineingefahren. Für den jungen Obama war es tatsächlich so, als komme er nach Hause, als fülle sich "eine große Leere" in ihm, wie er in seinem ersten Buch schrieb. Als er fast 20 Jahre später noch einmal nach Kenia kam, wurde er schon wie ein Star begrüßt. Da war er gerade frisch gewählter US-Senator, sein kometenhafter Aufstieg, der ihn zwei Jahre später ins Weiße Haus führen sollte, hatte begonnen. Nach seinem Wahlsieg hatten nicht nur seine Familienmitglieder, sondern auch viele Kenianer ihn als Sohn Afrikas gefeiert und erwartet, dass der Präsident bald der Heimat seiner Vorfahren eine Visite abstatten würde.

Sie wurden enttäuscht. Warum aber hat sich Obama so lange geziert? Vor allem, wenn man seine, von ihm selbst beschriebene emotionale Bindung an das Land und den Kontinent bedenkt. In seinem politischen Leben hat Barack Obama nur wenig dem Zufall überlassen. Und so kam auch sein Zögern nicht von ungefähr. Das hat zunächst recht banale Gründe. Afrika stand nicht gerade weit oben auf der Prioritätenliste des Präsidenten, der mit der heftigsten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression zu kämpfen hatte, der versprochen hatte, die US-Truppen aus dem Irak und Afghanistan nach Hause zu bringen, und der dazu noch die bedeutendste Reform des US-Gesundheitswesens in einem halben Jahrhundert durchsetzen wollte. Dennoch hat er als Präsident die Zeit gefunden, dreimal nach Afrika zu reisen, er war in Ghana und Ägypten, besuchte den Senegal, Südafrika und Tansania. Nur um Kenia machte Obama einen großen Bogen.

Seine beiden Vorgänger im Weißen Haus haben mehr für den Kontinent getan als er

Vor allem innenpolitische Überlegungen dürften dabei eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Denn zu Beginn seiner ersten Amtsperiode hatten sogenannte Birther Zweifel an seiner Herkunft zu nähren versucht. So lästig wurden die Angriffe der rechten Verschwörungstheoretiker, dass er einmal mit seiner Geburtsurkunde in der Hand in den Presseraum des Weißen Hauses marschierte und das Dokument vor die Kameras hielt, das seine Geburt in der Kapiolani-Frauenklinik in Honolulu amtlich bestätigte. In den USA kann nur Präsident werden, wer als Amerikaner geboren wird. Die "Birther" behaupten, dass Obama in Wahrheit Kenianer sei und - noch schlimmer - Muslim (wegen seines zweiten Vornamens Hussein) und somit ungeeignet, die Nation zu führen. Ein Wiederaufflammen dieser Diskussion hatte Obama vermeiden wollen, zumal vor seiner Wiederwahl im Jahr 2012. Derlei Rücksichten muss er nun nicht mehr nehmen.

Große Erwartungen: In Nairobi bieten Händlerinnen am Straßenrand Obama-T-Shirts an.

(Foto: AFP)

Im Gegenteil versuchen seine Leute ihn nun zu einem Präsidenten mit einem besonders großen Herz für Afrika zu stilisieren. Sein Engagement für den Kontinent werde das seiner Vorgänger weit übertreffen, tönt etwa seine Sicherheitsberaterin Susan Rice. Tatsächlich aber hatte sein Vorgänger George W. Bush eine sehr erfolgreiche Kampagne zur Aids-Bekämpfung in Afrika gestartet. Und Bill Clinton hatte Handelsbeschränkungen für 35 afrikanische Staaten aufgehoben und damit die Wirtschaft des Kontinents angekurbelt. Präsident Obama hat noch keine vergleichbare Initiative gestartet.

© SZ vom 24.07.2015/mane
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