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Obama und die US-Medien:Präsident, Presse, Panik

Die US-Presse folgt Obama im lückenlosen Schichtbetrieb - aus Angst, selbst noch so Belangloses zu verpassen. Gerade im Wahlkampf entsteht daraus eine Informationsmasse, die über den amerikanischen Präsidentenkult so viel erzählt wie über die Panik moderner Medien.

Der Präsident besucht eine Farm, betrachtet das Obst. "Wunderschön", sagt er. Er kauft eine kleine Tüte grüner Äpfel, Pfirsiche. Und Apfelglasur. Die werde er gleich morgen mit seinen Töchtern essen.

In Hörweite steht der Reporter David Grant. Er nimmt das Ereignis zu Protokoll, kann aber nicht sehen, ob der Präsident noch mehr kauft, etwa Marmelade. In seinem Bericht, eilig vom iPhone verschickt, kündigt Grant an, dies noch zu ermitteln ("Details und Kosten folgen") und fügt hinzu: "Das Hemd von Potus ist blau, nicht weiß, wie zuvor irrtümlich berichtet."

Potus ist der "President of the United States". Ein Mann, der ständig reist, weil jetzt erstens Wahlkampf ist und weil er zweitens eine himmelblaue Boeing 747 zur Verfügung hat, die ihn jederzeit aus dem Reizklima Washingtons befreit. Die Hauptstadtpresse bleibt mit einem Dilemma zurück: Keine Zeitung kann es sich leisten, jedes Mal einen Reporter mitzuschicken, wenn der Präsident irgendwo auf den Markt geht. Andererseits ist der Präsident nun mal die Lichtgestalt im Zentrum der US-Politik, und es wäre so respektlos wie journalistisch leichtsinnig, ihn auch nur eine halbe Stunde sich selbst zu überlassen.

Der Verein der Korrespondenten im Weißen Haus hat deshalb einen lückenlosen Schichtbetrieb eingerichtet. Dieser stellt seit dem Kennedy-Attentat 1963 sicher, dass immer, wirklich immer, mindestens ein Reporter dabei ist, wenn Potus das Haus verlässt. Dies hat sich - sehr selten - ausgezahlt, etwa am Morgen des 11. September 2001, als Präsident Bush beim Besuch einer Grundschule in Florida von den Anschlägen erfuhr. Doch "pool reporter" oder "pooler" wie David Grant vom Christian Science Monitor lauern nicht nur auf Katastrophen. "Wir sind am jeweiligen Tag die Augen und Ohren der Kollegen", sagt Grant, "wir geben ihnen den knackigsten Eindruck davon, was der Präsident tut."

Gerade im Wahlkampf entsteht daraus eine kaum überschaubare Menge an Details, An- und Abflugzeiten, Krawattenfarben und kulinarischen Vorlieben; eine Informationsmasse, die über den amerikanischen Präsidentenkult so viel erzählt wie von der Panik moderner Medien, selbst ein Nichts zu verpassen. So meldet Grant von unterwegs, dass es Potus beim Erklimmen der Flugzeugtreppe an der "typischen Sprungkraft" fehle, was ein verletztes Bein verraten könnte.

Anderntags notiert jemand, dass Familie Obama um 10.28 Uhr in die Kirche geht, wobei Flotus Hand in Hand mit Tochter Sasha läuft. Flotus ist die "First Lady of the United States", Michelle Obama. Außer für Potus und Flotus ist auch für Vpotus (Vizepräsident Joe Biden) immer ein Reporter im Dienst. Kürzlich enthüllten Berichte über Biden, dass er in Iowa Thunfisch auf Weizentoast bestellte - ohne Mayo - und auf einer Farm in New Hampshire einen Terrier streichelte, bevor er einen großen Kürbis mitnahm.

All dies verletzt nur scheinbar das Gebot, den eigenen Lesern Belangloses zu ersparen. Zum einen können Medien nie genug bekommen von szenischen Winzigkeiten, die metaphorisch größere Zusammenhänge erklären. Zweitens steht minütlich die Berufsehre des "pool reporters" auf dem Spiel: Behielte er eine Anekdote für sich, machte er sich unter Kollegen unmöglich. Nach dieser Logik ist es keineswegs belanglos, dass Biden eine Kokosnusstorte lobt oder Obamas Flugzeug bei Unwetter eine Warteschleife fliegt. Manchmal erhält der Leser sogar reizende Miniaturen über Amerika. Neulich zum Beispiel war Obama in einer Gegend, in der 80 Prozent die Republikaner wählen, und der Reporter beschrieb drei einsame Obama-Fans, die ihre Nachbarn fragten: "Werden wir erschossen, wenn wir ihm jetzt zujubeln?"

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