Obama und der Nahe Osten Einsätze mit beschränkter Haftung

Ohne Vision für den Nahen Osten: US-Präsident Obama entscheidet von Fall zu Fall, wo Amerika sich Idealismus leisten kann und wo nicht. Syrien ist ein Beispiel dafür, wie sich diese Politik der kleinen Münze rächen kann. Sein kleinkrämerischer Ansatz trägt Obama oft den Vorwurf der Schwäche ein - dabei sind seine Worte sehr wohl ernst zu nehmen.

Ein Kommentar von Nicolas Richter, Washington

Der Ferne Osten scheint Barack Obama oft näher zu liegen als der Nahe. Er hat einst in Indonesien gelebt, und in jenem Teil der Welt sieht er langfristig Amerikas strategische Interessen. Sein rebalancing, die Suche nach einem neuen Gleichgewicht zwischen arabischen Ländern und fernöstlichen, ist in Wahrheit eine Abkehr von jener entzündlichen Gemengelage, die am Mittelmeer und am Golf immer neue Konflikte hervorbringt.

Obamas Rede an die Muslime im Jahr 2009 in Kairo - das Weiße Haus hatte sie zunächst in Jakarta geplant - sollte nach den Bush-Jahren das Missverständnis ausräumen, Amerika habe etwas gegen den Islam. Es war eine Friedens-, keine Liebeserklärung. "Wir mögen euch. Good bye." - auch so kann man die Rede heute deuten. Der US-Präsident wirkt aus nahöstlicher Sicht desinteressiert. Als sein Außenminister John Kerry jüngst den Friedensprozess wiederbelebte, hatte man den Eindruck, ein Hobby von Kerry zu beobachten, nicht eine US-Initiative.

Aber die Region neigt dazu, Amerikas Präsidenten gleichwohl zu vereinnahmen. Der arabische Frühling hat eine Fülle von Krisen ausgelöst, in denen Obama vor dem immer gleichen Dilemma stand: Realist sein oder Idealist? Eingreifen oder Heraushalten? Risiko oder Sicherheit?

Die USA sind erschöpft

Obama hat keine einheitliche Antwort gegeben. Manchmal war er der Idealist, der den ägyptischen Uralt-Verbündeten Mubarak zum Rückzug aufforderte oder den Libyer Gaddafi aus dem Amt bombte. Beides hätte ein Realist wie Bush Senior nicht getan: Nach dessen Denkschule garantierte Mubarak Stabilität, Libyen berührte keine US-Interessen. Während Obama in diesen Fällen Ideale wie die Demokratie vorn anstellte, ignorierte er sie während der Aufstände in Bahrain oder in Iran - und nach dem Putsch in Ägypten.

Obama hat keine Vision für den Nahen Osten. Fraglich ist aber, ob es dem Nahen Osten besser ginge, wenn Obama eine hätte. Der Irak hat zuletzt schlechte Erfahrungen gemacht mit Visionen aus Washington. Die USA wiederum sind erschöpft, in jeder Hinsicht. Das Geld geht aus, die Soldaten möchten nach Hause. Die Abhängigkeit von fremdem Öl sinkt. Das bedeutet zwangsläufig, dass Amerika an Einfluss verliert. Was übrig bleibt, versucht Obama so gewinnbringend einzusetzen wie möglich. Er dreht jeden Cent seines außenpolitischen Kapitals um. Er entscheidet von Fall zu Fall, wo Amerika sich Idealismus leisten kann und wo nicht.