Süddeutsche Zeitung

Obama-Auftritt in Köln:Plaudern über den Elefanten in der Arena

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Beim "Weltführungsgipfel" in Köln redet Barack Obama viel über seinen Nachfolger, vergleicht ihn gar mit einem Tier. Nur seinen Namen nennt er nicht.

Von Jana Stegemann und Christian Wernicke, Köln

Nein, beim Namen nennt er ihn nicht. Das gehört sich nicht. Amerikanische Ex-Präsidenten verbreiten sich nicht über ihre Nachfolger, schon gar nicht im Ausland. Und doch redet Barack Obama an diesem Abend in Köln über Donald Trump. Immer wieder. Egal, ob er von Frauen spricht, vom Klimawandel oder von der Wirklichkeit, der jeder Mensch sich stellen müsse: "Du musst Deine Meinung auf der Grundlage von Fakten bilden, nicht umgekehrt!" Jeder versteht, wer da gemeint ist. Und alle applaudieren.

Amerikaner nennen es "the elephant in the room". Das Problem, die Person im Raum, an die alle denken und von der doch niemand sprechen mag. Donald Trump ist an diesem Donnerstagabend der Elefant in der Arena, der Unbenannte vor 14 000 Zuhörern. So viele Menschen sind in die Lanxess-Arena in Köln gekommen, um ihr Idol zu sehen, gut zwei Jahre nach Ende seiner Amtszeit. Und zu hören, wie Obama die Weltlage als Streit zwischen zwei Lagern deutet: Auf der einen Seite stünden die Kräfte des Fortschritts, der Toleranz, der Offenheit - und dann seien da jene, die Mauern bauten, die wieder von "us and them" schwadronierten, vom "wir" und "denen da". Ernst blickt der Gast drein, dann sagt er: "Das ist eine Story aus einer Zeit, als wir Affen waren."

Obama, im Amt ergraut und inzwischen 57 Jahre alt, weiß noch immer, wie er Massen gewinnt. Auch heute, mehr als zehn Jahre nach der Wahl zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und er kennt die Deutschen, Umfragen zufolge zählten sie stets zu seinen größten Fans: Viermal war er als Präsident in der Bundesrepublik, der Flug im Privatjet nach Köln ist (nach dem Besuch des Evangelischen Kirchentags im Mai 2017 in Berlin) seine zweite Reise nach Deutschland als Privatier. Am Freitag trifft er dann - strikt privat - seine alte Freundin "dear Angela" (Merkel) in Berlin, am Samstag folgt ein "town hall"-Meeting mit europäischen Jugendlichen. Die Begegnung soll um die Themen kreisen, die diesen ehemaligen "Community Organizer" in den Slums des südlichen Chicagos schon Mitte der 80er Jahre umtrieben: Ziviles Engagement - und Führung.

Leadership, das ist das Schlüsselwort auch in der Lanxess Arena. "World Leadership Summit", zu deutsch ungefähr "Weltführungsgipfel", nennt sich recht unbescheiden das vierstündige Event.

Obamas gut einstündige Gespräch mit Cristián Gálvez - normalerweise Manager-Coach, heute mal Moderator und Stichwortgeber - gerät eher banal. Etwa, wenn Obama preisgibt: "Die Leute tun nicht immer, was Du ihnen sagst". Oder wenn er sagt, dass ein US-Präsident so etwas wie der Kapitän eines Flugzeugträgers sei: "Am Ende hoffst Du, dass Du die Dinge in eine bessere Richtung gelenkt hast." Da sitzt er in einem blaugrauen Sessel auf der Bühne, schlägt die langen Beine übereinander, unterm dunklen Anzug strahlt das blaue Hemd im Scheinwerferlicht. Alles easy? Seine Führungsphilosophie, sein Kurs klingen so simpel. Es ist ein Pragmatismus, den jeder versteht: "Better is good. Better is better than not better."

Wenn er über Frauen in Führungspositionen redet, wird er leidenschaftlich

Nur, er kann auch anders. Jederzeit. Obama liefert markige Sätze fürs Lehrbuch, wenn er postuliert, ein wahrer "Leader" müsse sich "darauf fokussieren, was er tun will - nicht was er sein will." Sonst, so seine Warnung, nütze all die Macht ja nichts - "wenn Du da ankommst und nicht weißt, was Du damit anfangen sollst." Wieder so eine Stanze über den Elefanten.

Manchmal flammt sogar Leidenschaft auf. Etwa, wenn er über Frauen in Führungspositionen redet. Da wird der Mann zum Missionar. Obama berichtet von den Anfängen seiner ersten Amtszeit: "Ich brachte tolle Frauen in mächtige Positionen, doch irgendwann kamen sie zu mir und sagten: 'Wir haben das Gefühl, in wichtigen Meetings werden wir nicht gehört." Da habe er mehr aufgepasst und siehe da: "Mir fiel auf, dass diese Frauen ständig von Männern niedergeredet wurden. Von Männern, die manchmal die Ideen der Frauen eins zu eins wiederholten und zu ihrer Idee machten." Dabei, so Obama, wisse man längst, dass Teams in Unternehmen besser würden, wenn Frauen am Tisch säßen.

Das kommt an in der Arena: "Sein kompletter Auftritt hat mir unglaublich gut gefallen, der Teil, wo er über den Umgang mit seinen Mitarbeiterinnen gesprochen hat, am besten", schwärmt Dirk Peters, ein Kölner im Business-Anzug. "Er war so bemerkenswert klar, so gut, so besonders."

Angezettelt hat die Mega-Show das Kölner Startup "Gedankentanken" - ein Unternehmen, das sich mit Coaching-Videos im Internet und mit Großveranstaltungen für Möchtegern-Chefs von morgen profiliert. Vor ziemlich genau zwei Jahren, so erinnert sich Geschäftsführer Alexander Müller im Gespräch, habe er das erste Mal angefragt bei Obamas Agentur in New York, ob und wie der Ex-Präsident zu ergattern sei. Erst passierte wenig - dann ging plötzlich alles ganz schnell: Vor knapp zwei Monaten erfuhren die Organisatoren, dass Obama am 4. April Zeit habe. Was der ehemals mächtigste Mann auf Erden so kostet für gut eine Stunde Gespräch, das verrät Müller nicht. Aber der 31-jährige Betriebswirt lässt durchblicken, dass die von US-Medien kolportierten Honorare von bis zu 400 000 Dollar nicht völlig falsch liegen.

Dennoch, Müller ist es wichtig, dass sein Event keine Veranstaltung nur für Führungskräfte sei. Die 14 000 Menschen mögen "mit einer gemeinsamen Idee nach Hause gehen - nämlich wie Martin Luther King oder Barack Obama für etwas aufzustehen."

Dreistellige Summen für eine Eintrittskarte

Und Obama bringt das Publikum auf die Beine. Vor allem die jungen Zuhörer im Saal, auf den billigeren Plätzen. Die ermahnt er zu Widerspruch: "Ihr würdet euren Großvater niemals darüber entscheiden lassen, was ihr anzieht oder welche Musik ihr hört. Aber ihr lasst ihn darüber entscheiden, was mit der Umwelt geschieht, in der ihr leben müsst?" Wenn alle jungen Leute zur Wahl gingen, so der Ex-Präsident, und dabei für klimafreundliche Parteien stimmten, könnten sie sehr schnell Veränderung zustande bringen, betonte Obama. Es wirkt, Nadja Sommer, 22, ist in der Pause wie beseelt von Obama: "Er war so authentisch wie immer. Er lebt, was er propagiert." Dass Obama, der Öko-Warner, nebenbei aus einem Pappbecher mit Plastikdeckel seinen Kaffee nippt, lässt sie ihm großzügig durchgehen. Er ist eben kein normaler Politiker, er ist ein Popstar. Fast Kult.

Und Obama macht Mut, wieder gegen den Ungenannten. Die US-Klimapolitik werde sich auch wieder ändern, sagt er den Europäern, "hoffentlich bald." In Kalifornien und anderen Bundesstaaten gehe es weiter mit dem Klimaschutz, die Deutschen sollten nicht verzagen, "nur weil da jemand ganz oben sitzt, den das nicht so zu kümmern scheint."

Lars Nöpel aus Herne ist beeindruckt: "Er hat so eine besondere Art seine Themen rüberzubringen." Der junge Mann aus dem Ruhrgebiet hat einen dreistelligen Betrag bezahlt, um in der Arena dabei zu sein. "Ich habe mich schon vorher gefragt, ob es lohnt, soviel Geld für die Eintrittskarte auszugeben? Jetzt kann ich sagen: Ja, tut es. Es war sehr unterhaltsam." 70 Euro kostet das billigste Ticket für den Abend, und wer Obama persönlich begegnen wollte, der musste für diese Sekunden des Ruhms (samt Erinnerungsfoto) 5000 Euro investieren.

Gleich neben der Arena, im Hyatt Regency-Hotel, war Obama am frühen Abend angekommen, eine gepanzerte Limousine hatte ihn vom Köln-Bonner Flughafen ins Luxushotel auf der "Schäl Sick" gebracht, der eigentlich "falschen Seite", wie die Kölner das rechtsrheinische Ufer nennen. Obama wird den Blick hinüber zur Altstadt und zum Dom genossen haben - wenngleich ihm die eigentlich standesgemäße, 180-Quadratmeter große "Präsidenten-Suite" mit Panzerglas und Piano verwehrt blieb. Die exklusive Location hatte sich - für den gesamten Monat - bereits ein anderer Gast gesichert.

Nebenbei diente das Abendmahl in der Arena der Familie - und der Wohltätigkeit: Die Dinner-Speech gab Auma Obama, die Schwester des Ex-Präsidenten, die in Kenia eine Stiftung für nachhaltige Entwicklung leitet. Als Lohn spendeten die Kölner Gipfel-Stürmer eine fünfstellige Summe. Dem gleichen Zweck diente die Geste, 2000 der insgesamt 14 000 Plätze in der Arena an engagierte Ehrenamtler kostenlos abzugeben.

So war der Saal voll. Obama zieht, noch immer: Immerhin 12000 Tickets hatten die Veranstalter innerhalb von nur knapp vier Wochen verkauft. Wie berauscht am eigenen Erfolg schwärmt CEO Müller in der Pause vom Erfolg. Den Einwand, das mancherorts halbe Stuhlreihen leer blieben, mag er nicht hören.

Größtverdienerin der Familie bleibt aber wohl Michelle Obama, die für ihre Auftritte als Buchautorin in den USA bis zu 800 000 Dollar pro Abend bekommen haben soll. Frauen sind eben stärker. Nicht nur im Büro, auch beim Präsidenten zuhause.

Aber vom schnöden Geld redet Obama an diesem Abend nicht. Obama will Mut machen. Er schaut nach vorn, auf morgen, auch auf sein Treffen mit Angela "Mörkel". Gelassen legt Obama sein Lächeln auf, seine Zuversicht strahlt aus ins Publikum, als er einen Satz sagt, der von seiner Freundin aus Berlin stammen könnte: "We can do that", also "wir schaffen das". Einziger Unterschied: Bei Obama applaudiert die Arena. Noch immer.

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