Süddeutsche Zeitung

Obama, Iran und die Atommacht Israel:Das israelische Tabu

Israels geheime Atomwaffen sind die schwache Flanke von US-Präsident Obama im Kampf gegen Irans Bombe. Warum soll Jerusalem geduldet werden, was Teheran verboten ist?

Peter Münch

Ein Tabu ist ein Gebot zur Heimlichkeit, dessen Verletzung schlimme Folgen hat. So glauben es jedenfalls viele Völker, die heutzutage eher als Wilde gelten.

Doch auch in den höheren Gefilden der Weltpolitik, wo den Akteuren ansonsten wenig heilig ist, gibt es Tabus: gefährliche Dinge, die am besten nicht angetastet werden. Ein solches Tabu sind - zumindest in Israel und im befreundeten Westen - auch die israelischen Atomwaffen. Jeder weiß, dass es sie gibt, aber keiner darf darüber reden. Nicht einmal der mächtigste Mann der Welt.

Obama macht es fast wie seine Vorgänger

So machte US-Präsident Barack Obama auch nicht gerade eine souveräne Figur, als er zum Abschluss seines anti-atomaren Weihefestes in Washington von einem Journalisten nach dem Unsagbaren gefragt wurde, nach Israels Nuklearprogramm. "Lassen Sie uns über die USA reden", beschied er den Fragesteller, "denn ich werde mich zu deren Programm nicht äußern."

Türen zu, Klappen dicht - genau so haben es immer auch alle Vorgänger Obamas gemacht. Doch am Ende seiner Ceterum-censeo-Ausführungen zur amerikanischen Abrüstungsverpflichtung kam Obama dann doch noch einmal auf Israel zu sprechen, ganz freiwillig.

Er rief die Regierung in Jerusalem zur Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags auf. Und er nannte das Land in einem Atemzug mit den anderen spätgeborenen Atommächten Indien, Pakistan und Nordkorea, die alle stolz zur Bombe stehen und deshalb dem von 189 Staaten unterschriebenen Abkommen bislang ferngeblieben sind.

Man könnte daraus ableiten, dass dieser US-Präsident eben anders ist alle seine Vorgänger. Das mag sein. Vor allem aber sind die Zeiten anders - und das bedeutet, dass Obama gar nicht mehr daran vorbeikommt, an das Tabu zu rühren.

Ironischerweise haben nämlich gerade die USA und Israel selbst das Atomthema wieder auf die Tagesordnung gebracht, auf dem Umweg über Teheran. Denn Israels Bombe ist die schwache Flanke in dem von beiden Staaten angeführten Kampf gegen Irans Bombe.

Tiefe Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit

Je größer der Druck auf Präsident Mahmud Ahmadinedschad wird, desto lauter wird gefragt: Warum soll in Jerusalem erlaubt oder zumindest geduldet sein, was in Teheran verboten ist?

Die Frage liegt nahe, doch Israelis wie Amerikaner haben sich bislang vor einer Antwort gedrückt. Denn diese Antwort führt tief hinein in die Widersprüche der Weltpolitik, und sie zeigt besonders deutlich, welch tiefe Kluft sich auftut zwischen den visionären Postulaten des US-Präsidenten und der rauen Wirklichkeit.

Israel und sein nukleares Faustpfand

Obama verheißt den Menschen eine atomwaffenfreie Welt, doch dazu würde natürlich auch ein atomwaffenfreier Naher Osten gehören, in dem nicht nur Iran auf die Bombe verzichtet, sondern Israel seine Atomsprengköpfe vernichtet.

Das klingt gut, ist aber derzeit zutiefst unrealistisch. Denn erstens wird Israel sein nukleares Faustpfand in absehbarer Zeit nicht aufgeben, und zweitens läge das auch gar nicht im US-Interesse, weil dies die Balancen im Nahen Osten drastisch zu Lasten des Verbündeten verschieben würde.

Unter dem Strich ist also der Aufruf an Israel zur Unterzeichnung des Sperrvertrags nicht mehr als ein Versuch Obamas, sich über eine unübersehbar gewordene Glaubwürdigkeitslücke hinwegzuhangeln. Er will ein wenig Druck aus dem Kessel lassen.

Doch der Widerspruch bleibt - und er lässt sich auch nicht einfach dadurch auflösen, dass man die Gleichung zwischen Teheran und Jerusalem herstellt. Denn platt gesagt: Bombe ist nicht gleich Bombe.

Gelernt, mit der Bombe zu leben

Israels geheime Nuklearsprengköpfe, für die vor allem der spätere Friedensnobelpreis-Träger und heutige Präsident Schimon Peres verantwortlich zeichnet, gehören zur Realität des Nahen Ostens seit den sechziger Jahren.

Was immer man gegen die Politik der Jerusalemer Regierungen seither sagen kann - es bleibt festzuhalten, dass das Land in mehr als vier kriegerischen Jahrzehnten letztlich niemals der Versuchung erlag, die ultimative Waffe einzusetzen.

Einem Wüterich wie dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der Israel notorisch mit Vernichtung droht, darf man wohl weniger nukleare Vernunft zutrauen.

Israel und mit ihm die Region haben gelernt, mit der Bombe zu leben.

In einem seit der Staatsgründung vor 62 Jahren permanent feindlichen Umfeld ist das Atomprogramm zur Rückversicherung eines Staates geworden, in dem heute sechs Millionen Juden mit der Erinnerung an die Vernichtung von sechs Millionen Juden leben.

Weil dabei das Psychologische alles Politische überlagert, würden sich die Israelis auch niemals mit einer amerikanischen Beistandsgarantie zufriedengeben, wie sie zum Beispiel Deutschland im Kalten Krieg genoss.

Wenn irgendwann Teheran über Atombomben verfügt, will Israel zumindest aus eigener Kraft ein Gleichgewicht des Schreckens schaffen können.

Das ist gewiss keine rosige, aber eine realistische Perspektive.

Erst wenn Israels Existenzrecht von allen seinen Nachbarn anerkannt wird und der jüdische Staat sich nicht mehr von Feinden, sondern von Freunden umringt sieht, kann die Vision von einer atomwaffenfreien Welt auch in Nahost ehrliche Verfechter finden.

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Quelle:
SZ vom 15. April 2010/odg
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